Beiträge zur Musik und mein Senf zu anderen Dingen

Kategorie: Literatur Seite 5 von 8

Under Control

Von vielen Künstlern hört man, wie sie sich auf ihre Bühnenauftritte vorbereiten. Manche meditieren oder beten dafür, dass ihr Auftritt gut gelingt. Andere sammeln sich geistig und konzentrieren sich, bevor der Vorhang aufgeht, in aller Stille. In Tina Turners Leben ging es jedoch ganz anders zu. Sie lebte in ständiger Angst davor, was Ike wohl mit ihr vor oder nach dem Konzert machen würde. Die Zeit, in der sie auf der Bühne stand, das waren die einzigen Stunden, in denen sie sich wirklich in Sicherheit wusste.

Die Realität sah so aus, dass Ike Tina vor den Konzerten häufig verprügelte und dann von ihr erwartete, dass sie den Abend über singen würde, als wäre nichts geschehen. Nun ja, man könnte rational damit argumentieren, dass es zumindest ein Konzert gewesen sein muss, das sich für Tina auszahlte, bei dem sie sicherlich selbst viel Geld verdiente. Man würde ganz sicher davon ausgehen, dass dem so war – und sie sich einfach etwas Geld zusammensparen konnte, um sich dann letztendlich ihre Freiheit zu erkaufen.

Aber in Wahrheit bekam Tina nie etwas von dem Geld zu sehen. Von ihr wurde erwartet, dass sie Ike von vorne bis hinten bediente, mit ihm schlief und sich von ihm verprügeln ließ, wann immer er dies für angebracht hielt, und dabei – so als wäre alles in Ordnung – den glamourösen und energiegeladenen Star der Show spielte. Doch sie bekam keinen Cent für ihre Arbeit, nichts, was sie für ihre psychischen und physischen Qualen entschädigt hätte. Ike hatte ihr Leben und ihr Umfeld total unter Kontrolle. Sie durfte noch nicht einmal eigene Freunde haben. Auf diese Weise machte er jede Flucht für sie unmöglich. Er sorgte dafür, dass sie keinen Ort hatte, an den sie hätte fliehen können.“

aus: Mark Bego, Tina Turner. Die Biografie, 2009

Autor Mark Bego hat Tina Turner, die 2023 starb, häufig getroffen und interviewt. Das bewegte Leben hat er in einem spannenden Buch zusammengefasst, das von der ersten bis zur letzten Zeile zu fesseln weiß.

Zum Jahresbeginn… ein Gedicht:

Ein Nagel

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernten sie sich
und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz

So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.

Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!

aus: Joachim Ringelnatz, Ich bin so knallvergnügt erwacht. Die besten Gedichte, marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Bildquelle: www.ringelnatz.net

Buchtipp: Error 404

Error 404 ist ein Buch von Esther Paniagua über den drohenden Internet-Blackout, vor dem uns Experten seit Jahren warnen. Es beschreibt, wie es zu einem totalen Zusammenbruch kommen könnte, erörtert die potenziellen Auswirkungen und behandelt dringende Themen, die sich aus einer entscheidenden Frage ergeben: Wie hat sich das Internet von einer Quelle der Befreiung zu dem entwickelt, was es heute ist .

Die Frage lautet nicht, ob das Internet komplett ausfallen wird, sondern wann. Werden wir darauf vorbereitet sein? Oder wird die Welt ohne Internet im Chaos versinken?

Anfang Oktober 2021 fielen die Dienste von Facebook, Instagram und WhatsApp für einige Stunden aus. Die Panik, die gerade junge User daraufhin ergriff, sorgte allgemein für Erheiterung. Doch was bei einem kurzen Zeitraum noch lustig ist, wird ernst, wenn das komplette Internet betroffen ist, und nicht nur für ein paar Stunden.

Wissenschaftler haben errechnet, dass uns etwa 8 bis 10 Tage bleiben würden, bis unsere Zivilisation ohne Internet völlig zum Erliegen kommen würde. Längst ist das Internet integraler Bestandteil unserer kritischen Infrastruktur. Ein potenzieller Ausfall wird längst ernsthaft diskutiert, sei es durch die Überlastung der Serverfarmen, einen Sonnensturm oder einen militärischen Anschlag.

Im Buch werden die heutigen Themen, die Probleme unseres digitalen Lebens, die dahinter stehende Machtdynamik und die Aushöhlung der Demokratie analysiert.

„Immer mehr Stimmen warnen vor der Gefahr, dass der private Sektor das Gemeinwohl an sich reißt und dass Vorschriften ohne Transparenz, Rechenschaftspflicht und ein kollektives Mandat erlassen werden. Das wäre die Privatisierung des Regierens und die Bankrotterklärung einer demokratischen Regierungsführung, bei der die Entwicklung von Regeln alle betroffenen Bevölkerungsteile einbezieht. Die »GAFAM«s und »BAT«s dieser Welt missbrauchen ihre Macht nicht nur, um die Menschenrechte zu verletzen und in die Privatsphäre der Individuen einzudringen, sondern auch, um Steuern zu hinterziehen und sich vor Regulierungen zu schützen.“

GAFAM = Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, die größten Internetfirmen der Welt
– BAT = Baidu, Alibaba und Tencent

Mit einer kritischen und zugleich konstruktiven Perspektive bietet Error 404 auch eine Reihe konkreter Vorschläge und Denkansätze und ist für mich alles andere als „ein fader Abklatsch der Internetkritik„. Vielleicht passen dem Kritiker die gesellschaftspolitischen Ansätze der Autorin nicht, welche u.a. die „Gründung einer Allianz der demokratischen Nationen, die digitale Regeln festlegt“ vorsehen, um sowohl den oben genannten Konzernen als auch Ländern wie China und Russland mit ihren antidemokratischen und autoritären Strategien durch „partizipativere und transparentere Demokratien“ entgegen zu wirken.

„…was die Menschheit so weit gebracht hat, dass sie heute an diesem Punkt steht, ist weder das Internet noch die Digitalisierung. Beide spiegeln vielmehr die menschliche Verfassung wider und können die besten und schlechtesten Seiten der Menschen verstärken. Hass, Gewalt und Verbrechen werden auch weiter online reproduziert werden, Polarisierung und Fehlinformationen weiterhin verstärkt, Diskriminierung findet ihren Niederschlag in unseren Algorithmen, und jeden unserer analogen oder digitalen Schritte wird man potenziell überwachen können.

Die Allianz kann dazu beitragen, die verstärkte negative Einflussnahme einzudämmen und schrittweise umzukehren. Aber einen richtigen Wandel wird es nur geben, wenn wir bessere, integrativere und gerechtere Gesellschaften und partizipativere und transparentere Demokratien aufbauen. Das kann nur gelingen, wenn wir alles daran setzen, bessere Menschen hervorzubringen und dabei keinen Moment unsere Leitwerte aus den Augen verlieren.“

Esther Paniagua – Error 404. Der Ausfall des Internets und seine Folgen für die Welt, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2022
ISBN: 978-3-455-01437-2, 400 Seiten

Quelle: tintenfässchen, estherpaniagua.com

Buchtipp: „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus

Im Mittelpunkt des Romans steht die hochbegabte Chemikerin Elisabeth Zott, die Ende der 1950er Jahre an einer US-amerikanischen Universität arbeitet – zu einer Zeit, in der Frauen keinerlei Chancen auf einen beruflichen Aufstieg hatten.

Sie hat eine gemeinsame Tochter Madeline mit dem Chemiker und Ruderer Calvin, der jedoch auf tragische Weise stirbt und den seine Tochter nie kennen lernt.

Nach Calvins Tod wird Elisabeth Zott aus dem Institut gedrängt, Ursache ist die konservative Auffassung ihrer männlichen Kollegen, die in der ungewollten Schwangerschaft von Zott einen Angriff auf das bigotte und konservative Wertesystem der Gesellschaft sehen. Nach ihrem Rauswurf aus dem Institut baut Elisabeth Zott ihre Küche zu einem Labor um, in dem sie nun, als alleinerziehende Mutter, weiter ihrem Forschungsschwerpunkt der Abiogenese nachgeht. Um finanziell über die Runden zu kommen, landet die alleinerziehende Elizabeth Zott bald in der TV-Show »Essen um sechs«, in der sie ihren Zuschauer*innen die chemischen Reaktionen beim Kochen erklärt. Denn für sie ist Kochen Chemie. Und Chemie bedeutet Veränderung der Zustände. Die Sendung, die vor allem von den Frauen in den USA begeistert aufgenommen wird, wird ein landesweiter Erfolg.

Bei Bonnie Garmus‘ Roman „Eine Frage der Chemie“ handelt es sich um eine sehr amüsante und lesenswerte Lektüre. Der Roman ist nicht nur historisch interessant, da er die Rolle der Frau in den 50er und 60er Jahren beschreibt, sondern er spricht auch ganz aktuelle Themen an, wie z.B. Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau, die Rolle als alleinerziehende Mutter oder Karrierechancen von Frauen.

461 Seiten

2022 | 1. Auflage
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07109-3

Eine Sozialgeschichte des Jazz in den USA

Jazz war lange Zeit (vor allem Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts) eine Massenbewegung, die auch soziale Bedürfnisse und ökonomische Zwänge großer Teile der Bevölkerung widerspiegelte und bis 1975 als eine gewichtige Stimme der Gegenkultur galt.

Wie erlangte der Jazz diesen Status und wie ging sie ihm wieder verloren?

Diesen und anderen Fragen geht Wolf Kampmann in seinem sehr lesenswerten Artikel „We insist! Eine Sozialgeschichte des Jazz in den USA“ nach. Erschienen in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Nr. 5-6 vom 27.01.2023, die noch weitere interessante Beiträge zum Themenfeld Jazz beinhaltet.

Kostenloser Download unter:

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/jazz-2023/

Buchtipp: Radikalisierter Konservatismus

 

Von der Krise der Sozialdemokratie ist allerorten die Rede. Doch auch viele traditionsreiche Mitte-rechts-Parteien befinden sich im Niedergang oder zumindest in einer Zwickmühle: Sollen sie sich für progressive urbane Milieus öffnen? Oder lieber ihr konservatives Profil schärfen? Politiker wie Donald Trump oder Sebastian Kurz sind Vertreter eines radikalisierten Konservatismus.
Natascha Strobl analysiert ihre rhetorischen und politischen Strategien. Sie zeigt, wie sie Ressentiments bedienen, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren, oder eigene Narrative erschaffen, um »Message Control« auszuüben und Kritik als Fake News abzutun. Statt inhaltlicher Auseinandersetzung suchen sie die Konfrontation. In ihren eigenen Parteien reduzieren sie die Demokratie, setzen auf kleine Beraterzirkel und Personalisierung. Dabei greifen sie, so Strobl, immer wieder auch auf die Methoden rechtsradikaler Bewegungen und Organisationen zurück.

Natascha Strobl, geboren 1985 in Wien, ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Sie schreibt unter anderem für den Standard, Zeit online und die taz.

2021 im Suhrkamp Verlag erschienen,
Broschur, 192 Seiten, 16,00 €
ISBN 978-3-518-12782-7

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