Beiträge zur Musik und mein Senf zu anderen Dingen

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Die Musik von Frank Zappa

Ein Buch, auf das ich erst jetzt gestoßen bin. Es stammt von Ben Watson, der einen unverzichtbaren Leitfaden geschrieben hat, für Fans der Musik von Frank Zappa, einem der produktivsten und unberechenbarsten Persönlichkeiten der Musik des 20. Jahrhunderts.

Eine gründliche Analyse von Zappas gesamter Diskografie, von den Anfängen mit den Mothers of Invention über seine avantgardistischeren Kompositionen bis hin zu seinen jüngsten posthumen Veröffentlichungen. Das Buch beinhaltet eine Analyse Album für Album, eine vollständige Zappa-Bibliografie, Angaben zu Zeit und Ort der Aufnahmen einschließlich aller mitwirkenden Künstler, einen Sonderteil zu Compilations sowie Archiv- und Bootleg-Veröffentlichungen. Das Buch erschien bereits 1998, wurde 2005 in überarbeiteter Form neu veröffentlicht.

Im Vorwort seines Buches schreibt Watson:

DIE MUSIK VON FRANK ZAPPA IST VOR ALLEM EINE PROVOKATION, EIN SCHLAG INS GESICHT für den Mainstream-Geschmack. Leg eine seiner Platten auf, und schon ist Streit vorprogrammiert. Seine Kritiker sind zahlreich, aber seine Fans sind es ebenso. Dieser Leitfaden erhebt keinen Anspruch auf Unvoreingenommenheit. Für den Verfasser dieses Artikels war Zappa als Rockgitarrist nur Hendrix unterlegen – und als Komponist, Produzent, Bandleader und Interviewpartner war er im Rock überhaupt niemandem unterlegen, vielen Dank auch.

Zu unserem Glück – jetzt, da er nicht mehr unter uns ist – verbrachte Zappa den Großteil seiner Zeit auf diesem Planeten unten in seinem Kellerstudio, wo er diese seltsamen kleinen Artefakte namens „Alben“ schuf: raffinierte Zusammenstellungen aus Klängen, Worten und Bildern. Seine Platten waren so detailreich, kunstvoll und facettenreich, dass Zappologen auf der ganzen Welt sie noch immer entschlüsseln – aber hier sind sie nun, vollständig und korrekt, in einem umfassenden Leitfaden.

aus dem Englischen übersetzt

Das Wesentliche an Zappa ist die Musik. Deshalb war er in Europa so erfolgreich. Seine Texte sind für Fans oft ein völliges Rätsel, das gilt auch für englischsprachige Zuhörer*innen. Gegen Ende seines Lebens wurde Zappa vom „Simpsons“-Schöpfer Matt Groening gebeten, das Konzept der Zeit näher zu erläutern. „Ich glaube, dass alles ständig geschieht“, antwortete er, „und dass der einzige Grund, warum wir Zeit linear begreifen, darin liegt, dass wir dazu konditioniert sind. Das liegt daran, dass die menschliche Vorstellung von Dingen lautet: Sie haben einen Anfang und ein Ende. Ich glaube nicht, dass das unbedingt wahr ist. Ich stelle mir Zeit als eine Konstante vor, als eine sphärische Konstante …“ Zappa war begeistert, als er diese Idee in Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wiederfand.

Als Frank Zappa starb, mussten viele Journalisten kurze Würdigungen verfassen. Eine übliche lautete in etwa: „Rockgitarrist und Skatologe [eine Person, die sich auf die wissenschaftliche Erforschung von Exkrementen spezialisiert hat] der Sechziger, der sich zu einem klassischen Komponisten und Mediensprecher entwickelte“. Dabei wurde die Tatsache außer Acht gelassen, dass Zappa bereits Partituren komponierte, bevor er überhaupt die Gitarre in die Hand nahm, und dass alles, was er jemals sagte oder tat, selbst, wenn er Symphonieorchester dirigierte, einen satirischen, medienkritischen Unterton hatte. Wenn er etwas „Neues“ vorstellte, konnte man sicher sein, dass es etwas war, über das er schon seit Jahren, vielleicht sogar schon immer, nachgedacht hatte; und dass die Empörung, die es hervorrufen würde, ebenfalls schon im Voraus angedeutet war.

Zappas raffiniertester Trick, und einer, der unter Zappologen noch immer wilde Spekulationen auslöst, war seine Fähigkeit, Trends und Absurditäten des Musikgeschäfts zu parodieren, noch bevor sie überhaupt auftauchten. Das Nachverfolgen von Zappas Anspielungen kann scheinbar vernünftige Menschen immer noch in Besessene verwandeln, die wilde Theorien entwickeln, um seinen Hintergründen auf die Spur zu kommen.

Zu ihrer Verteidigung lässt sich jedoch sagen, dass sich dieser Wahnsinn lohnt, weil Zappas Musik so unverwechselbar ist, voller wahnsinnig schöner Melodien, unkonventioneller, mitreißender Rhythmen und Harmonien. Ben Watson schreibt dazu:

„Die meiste Musik – die meiste Kultur – wird heutzutage anhand einer Liste „politisch korrekter“ Grundsätze beurteilt, die sowohl spießig als auch zimperlich sind. Zappa sprengt die PC-Moralisten in die Luft und bietet seinen Zuhörern stattdessen ein schillerndes ästhetisches Erlebnis. Wenn die Reaktion lautet: „Ich bin hip, aber natürlich bin ich beleidigt“ (wie Zappa es einmal charakterisierte), umso schlimmer für die konventionellen Sitten und ihre verstopften Ohren!“

aus dem Englischen übersetzt

Am 4. Dezember 1993 war Zappas Tod durch Prostatakrebs ein ziemlich endgültiges „Ende“. Doch sein Werk lebt weiter, vor allem dank der Entscheidung von Rykodisc (und dem Zappa-Clan), den gesamten Katalog im Sortiment zu behalten und ihn durch neue Veröffentlichungen aus dem riesigen Zappa-Fundus zu erweitern.

Ben Watson, Frank Zappa – the Complete Guide to his Music
Omnibus Press, London  2005,
ISBN 1-84449-865-4

Unbedingt lesen!

Wolfgang Schorlau, den Namen kannte ich bisher nur durch die Verfilmung von drei seiner Bücher mit der Titelfigur Dengler, einem ehemaligen BKA-Zielfahnder, der jetzt als Privatdetektiv arbeitet. 1

Ich war gespannt, wie sich die literarischen Vorlagen lesen lassen. 2 Und so begann ich mit dem ersten Band „Die blaue Liste“ und arbeitete mich immer weiter vor, bis zum fünften Fall „Das München-Komplott“, ein Buch, das mich „fesselte“ und sprachlos zugleich machte.

Den Hintergrund liefert der verheerende Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980, bei dem 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden. Ich habe mich erst durch dieses Buch näher damit befasst, für mich war das Attentat in Vergessenheit geraten. Für die ermittelnden Behörden war damals schon nach wenigen Tagen klar: Der bei dem Attentat ums Leben gekommene Gundolf Köhler hat die Bombe in einem Papierkorb versteckt und gezündet. Alle Indizien, die einer Einzeltäterthese widersprachen, wurden ignoriert, ebenso wie der neonazistische Hintergrund. Und so ist eine vollständige und umfassende Aufklärung bis heute noch nicht erfolgt.

Man kann es zwar nicht glauben, aber die Basis des Buches ist nicht Fiktion sondern Realität. Das wahre Ausmaß der Verstrickungen von LKA und Geheimdiensten ist wirklich schockierend. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass so etwas in unserer Zeit wirklich möglich ist. Nach dieser Lektüre und den zugrundeliegenden Quellen sieht das jedoch anders aus. 3

Wolfgang Schorlau hat einen politischen Krimi geschrieben, der die Machenschaften von Geheimdiensten aufdeckt und uns vor Augen führt, wie wenig wir von unseren und anderen staatlichen „Aktionen“ wirklich wissen.

Sowohl die Verstrickung staatlicher Organe in das Attentat als auch die Verhinderung einer vollständigen Aufklärung der damaligen Geschehnisse scheinen beileibe keine pure Fiktion zu sein. Dieser Eindruck wird durch das im Anhang des Buches abgedruckte „Field Manual 30-31“ des US-amerikanischen Geheimdienstes sowie das ausgesprochen informative Nachwort des Autors noch unterstrichen.

aida-Archiv

Dieses Buch ist gewissermaßen eine Pflichtlektüre (nicht nur) für Fans intelligenter Krimis mit zeitgeschichtlichem Hintergrund.

Wolfgang Schorlau (2009): Das München-Komplott. KiWi Paperback 1114, 336 Seiten, ISBN 978-3-462-04132-3

Anmerkungen:

  1. z.B. Dengler – Die letzte Flucht (in dem es um die Machenschaften der Pharmaindustrie geht) ↩︎
  2. Bisher sind 11 Bände erschienen. Dengler’s 12. Fall „Das kalte Werk“ erscheint im November 2026. ↩︎
  3. z.B. Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung, Neuauflage 2022 (Dokumente belegen, dass die von den USA angeführte Militärallianz nach dem Zweiten Weltkrieg in allen Ländern Westeuropas geheime Armeen aufgebaut hat, welche von den Geheimdiensten CIA und MI6 trainiert wurden. Ihr Ziel: im Falle einer sowjetischen Invasion als Guerilla zu kämpfen, um die besetzten Länder wieder zu befreien. Doch dabei ist es nicht geblieben. Gezielt wurden Attentate gegen die eigene Bevölkerung ausgeführt, um Unsicherheit zu erzeugen und den Ruf nach einem starken Staat zu unterstützen. ↩︎

Sinclair Lewis: Das ist bei uns nicht möglich (Roman)

1935 in den USA ein aufsehenerregender Bestseller, heute wieder eine Sensation und aktuell wie selten zuvor. Es ist eine mahnende Geschichte über den Aufstieg des Faschismus in den Vereinigten Staaten.

Sinclair Lewis wusste durch seine Frau Dorothy Thompson, Auslandskorrespondentin in Berlin, über den Aufstieg der Nazis Bescheid. In den USA beobachtete er, wie die Populisten nach Wirtschaftskrise und Sozialreformen des New Deal immer weiter an Einfluss gewannen. Der radikale Senator Huey Long versuchte Präsident Roosevelt aus dem Amt zu drängen, bevor Long 1935 einem Attentat zum Opfer fiel. Lewis diente er als Vorbild für den fanatischen Verführer Buzz Windrip in seinem Roman.

Buzz Windrip, für seine Gegner ein „ungebildeter Lügner mit idiotischer Weltanschauung“ und ein gefährlicher Populist, will Präsidentschaftskandidat werden. Er gibt vor, sich für die kleinen Leute einzusetzen, und verspricht, „aus Amerika wieder ein stolzes Land zu machen“. Trotz völlig unglaubwürdiger Versprechen laufen ihm die Wähler zu, und er zieht ins Weiße Haus ein. Sogleich regiert er wie ein absolutistischer Herrscher, beschneidet die Freiheiten der Minderheiten, legt sich mit Mexiko an und lässt seine Kritiker rabiat verfolgen. Einer davon ist der liberale Zeitungsherausgeber Doremus Jessup, der sich nicht mundtot machen lassen will.

Sinclair Lewis’ Roman aus dem Jahr 1935 führt einen Antihelden vor, der mit seinen Hetzreden die Begeisterung unzufriedener Wähler entfacht. Durch seine Lügen und eine Rhetorik des Populismus und der Ressentiments wird er Präsident der Vereinigten Staaten. Das klingt vertraut, oder?

Lewis‘ Roman bekommt „eine neue Aktualität, weil es so prophetisch wirkt: der Gauner mit dem aufwendigen Namen Berzelius Windrip, der seinen Wählern Lohn und Brot verspricht, Einkommensbeschränkungen für Reiche, aber eine Prämie von fünftausend Dollar für jeden Mitmacher, dieser politische Gauner liest sich heute wie eine Vorahnung des gnadenlosen Populisten Donald Trump. […] So schlecht Vorhersagen von Journalisten und Schriftstellern sonst sind, hier ist dem kleinen Meister Lewis ein großes visionäres Irrsinnsgemälde voller Wahrhaftigkeit gelungen. (Willi Winkler in der SZ)

„Eine unheimliche Vorwegnahme der aktuellen Ereignisse.“ The Guardian
„Ein Populist im Weißen Haus? Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis hat es vor 80 Jahren durchgespielt.“ DIE ZEIT
„Sinclair Lewis ist wieder aktuell.“ der Freitag
„Ein Meister des absoluten Realismus.“ Bob Dylan

422 Seiten, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin
in der Übersetzung von Hans Meisel, mit einem Nachwort von Jan Brandt.

Buchtipp: Tipping Point 2

In „Tipping Point 2 – Neue Geschichten von kleinen Dingen, die Großes bewirken können“ knüpft Malcom Gladwell an seine Idee an, dass kleine Auslöser enorme Veränderungen in Bewegung setzen. Er geht dabei auch kritisch mit seinen im ersten Band erschienenen Thesen um. Und so entstanden eine Reihe neuer Theorien, Geschichten und Thesen zu den seltsamen Wegen, die Verhalten und Denken in unserer Welt gehen.

Wen könnte dieses Buch interessieren? Alle die:

(a) neugierig auf die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Veränderungen und fasziniert davon sind, wie kleine Handlungen zu bedeutenden Ergebnissen führen können
(b) im Bildungsbereich tätig sind und nach einer neuen Perspektive des Wandels suchen
(c) sich für einige der großen Probleme unserer Zeit interessieren und verstehen möchten, wie es dazu gekommen ist.

Mit diesem Buch möchte Gladwell uns zeigen, wie die Methoden aus „The Tipping Point“ (Wendepunkt) auf ruchlose Weise, zum Schlechten und zur Ausbreitung von Epidemien genutzt werden können. Sein Ziel ist es, den Einsatz dieser Methoden für gute Zwecke zu fördern und uns davor zu warnen, wie diese Methoden gegen die besseren Seiten unserer Natur eingesetzt werden können.

Viele von Gladwells Themen sind bekannt, und doch flößt er ihnen neue Energie ein. In Kapitel fünf befasst er sich mit der heiklen Frage der Diversität bei der Zulassung zur Ivy League 1. Anstatt zu untersuchen, mit welchen Mitteln Elite-Institutionen Minderheiten fernhalten, deckt er die subtilen und heimtückischen Wege auf, auf denen beispielsweise Harvard durch seine Zulassungspolitik für Sportler vorwiegend reiche, weiße Bewerber einlädt. Ein Großteil des Kapitels stützt sich auf Gerichtsprotokolle, und Gladwell hat sichtlich Freude daran, die Ausflüchte und die Heuchelei von Wissenschaftlern und Universitätsjuristen zu entlarven, die sich winden, um nicht die Prinzipien anerkennen zu müssen, die der Hochschulzulassung zugrunde liegen.

Weniger Ironie kommt in Gladwells Kapitel über Covid zum Ausdruck, das sich teilweise auf einen Artikel stützt, den er bereits 2006 über Autoabgase geschrieben hatte. Im Mittelpunkt steht der Ausbruch der Krankheit im Jahr 2020 bei der jährlichen Führungskräfte-Klausurtagung eines Biotech-Unternehmens in Boston, der Schätzungen zufolge zu mehr als 300.000 Infektionen geführt hat.

Anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Autoabgasen und Aerosolen rekonstruiert er Schritt für Schritt, was an jenem Tag geschehen sein könnte, und kommt zu dem Schluss, dass möglicherweise eine einzige Person für den Ausbruch verantwortlich war. Dies veranlasst ihn, über die wissenschaftlichen Belege nachzudenken, wonach relativ wenige Personen, sogenannte Superspreader, für den Großteil der Covid-Übertragungen verantwortlich sind: eine beunruhigende Erkenntnis, die besondere moralische und politische Dilemmata aufwirft.

Was sagt uns das Schicksal des Geparden über die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen? Warum sind Eliteuniversitäten so sportbegeistert? Malcolm Gladwell nimmt uns mit auf die Straßen von Los Angeles, um die erfolgreichsten Bankräuber der Welt zu treffen, entdeckt eine vergessene Fernsehshow aus den 1970er-Jahren wieder, die die Welt veränderte, und bietet eine alternative Geschichte zu zwei der größten Epidemien unserer Zeit: COVID und die Opioidkrise.
Mit seiner charakteristischen Mischung aus Erzählkunst und Sozialwissenschaft bietet Gladwell einen Leitfaden, um die Epidemien der modernen Welt zu verstehen. Denn wenn wir Kipppunkte verstehen, können wir geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen.
[Klappentext zum Buch]

Malcom Gladwell, Tipping Point 2 – Neue Geschichten von kleinen Dingen, die Großes bewirken können
Plassen Verlag, 2025, 416 Seiten
ISBN: 978-3-68932-010-2

  1. eine Liga, die sich aus den meisten Sportmannschaften der acht Elitehochschulen im Nordosten der USA zusammensetzt. ↩︎

The Rock & Roll Hall of Fame

Craig Inciardi erzählt uns „die skandalöse, endgültige und unbekannte Geschichte“ der Rock & Roll Hall of Fame.

Der „Indiana Jones“ der Rockgeschichte und Gründungskurator des Rock and Roll Hall of Fame Museums erzählt die turbulente Geschichte der Hall of Fame und von seinem Bestreben, die Sammlung von Grund auf aufzubauen – von Ozzy Osbournes Landgut über Keith Moons Kinderzimmer bis hin zu Art Garfunkels persönlichem Archiv –, einschließlich Geschichten über Debbie Harry, Mick Jagger, Chuck Berry, Bob Dylan, Bruce Springsteen und viele andere.

Craig Inciardi war ein aufstrebender Star bei Sotheby’s, sammelte ikonische Rock-’n’-Roll-Memorabilien und verkehrte in den Kreisen der Reichen und Berühmten, als er von den Gründern des Rock & Roll Hall of Fame Museums für seinen Traumjob rekrutiert wurde. Craigs Auftrag: die Welt bereisen und die weltweit größte Sammlung von Rock-Memorabilien aller Zeiten zusammenstellen. Was Craig damals nicht wusste, war, dass es gar kein „Museum“ gab. Tatsächlich gab es keine bestehende Sammlung außer „einer unbedeutenden Gitarre und drei interessanten Blättern Papier“. So begann eine epische Rock-Odyssee, mit Craig als Indiana Jones der Popmusik.

Zunächst arbeitete Craig in einer kleinen Kabine in der „Rolling Stone“-Zentrale in New York und stand dem legendären Jann Wenner rund um die Uhr zur Verfügung. Er begann seine Arbeit, indem er Musiker und deren Manager nach Erinnerungsstücken für das noch nicht existierende Museum abklapperte. Seine Reisen führten ihn bis vor die Haustüren der legendärsten Musiker unserer Zeit: zu Ozzy Osbournes weitläufigem Anwesen in England (Ozzy empfing ihn mit einem Gewehr in der Hand) und zu Keith Moons perfekt erhaltenem Kinderzimmer.

Er vertiefte sich in Briefe, die Paul Simon an Art Garfunkel schrieb, als beide noch Kinder in Ferienlagern waren, und von Yoko Ono erhielt er John Lennons Brille, die am Tag seiner Ermordung zusammen mit seinen anderen Habseligkeiten in einem schweren Stahlkoffer aufbewahrt worden war. Jede Geschichte wird in üppigen Details erzählt, die Rock-’n’-Roll-Fans genießen werden.

Ebenso faszinierend ist Inciardis Bericht aus erster Hand über die chaotische Entstehung der Rock and Roll Hall of Fame selbst, der uns hinter die Kulissen der allerersten Aufnahmezeremonien führt – einer unschuldigen Zeit, in der lange übersehene Musiker und einige ehemalige Feinde einander feierten und bis tief in die Nacht jammten, während Freunde und Familie zuschauten –, sowie zu den geheimen Aufnahme-Sitzungen, in denen Führungskräfte der großen Plattenfirmen und Manager erbittert darüber stritten, wer aufgenommen werden sollte und wer nicht.

Als ich die Stelle annahm, war mir klar, dass die Fristen und Ziele für die Eröffnung eines neuen Museums gewaltig sein würden. Ich meine, um Himmels willen: Dutzende von Exponaten für ein riesiges neues Museum – das zudem von einem Weltklasse-Architekten entworfen worden war – zu sammeln, zu kuratieren und auszustellen, war eine gewaltige Aufgabe. Wir fingen wirklich bei Null an, und der einzige Grund, warum ich nicht in Panik geriet, war wohl meine eigene Dummheit.

In jenen frühen Tagen bedeutete die Rock & Roll Hall of Fame nur eines: die jährliche Aufnahmezeremonie im Waldorf Astoria. Die Vorstellung, dass ein Museum gebaut werden sollte und dass wir Exponate von den Künstlern und Plattenfirmen sammeln würden, hatte noch niemand auf dem Schirm. Es war schwer, die Ernsthaftigkeit und den Ehrgeiz unserer Mission zu vermitteln, obwohl ich es natürlich von den Dächern geschrien hätte, wenn sich mir die Gelegenheit dazu geboten hätte. Das Einzige, was ich nicht tat, war, jemanden mit einer Werbetafel zu engagieren, der auf der 52. Straße vor dem Gebäude von Columbia Records stand und Flyer verteilte.

Jemandem in England zu erklären, dass ich von der „Rock & Roll Hall of Fame“ anrief, war wie gegen eine Wand zu reden, obwohl die Aufnahmezeremonien bereits seit acht Jahren stattfanden. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, jede Woche mindestens fünfzehn Leute anzurufen. Manchmal fehlte eine Ziffer in der Telefonnummer, oder der Anruf landete auf der Mailbox, und dann waren da noch die Türsteher in den Managementbüros. Es war immer eine Erleichterung, wenn jemand abnahm und mir ein paar Minuten seiner Zeit schenkte. Ich musste ständig an diesen verdammten Lagerraum denken – der Anblick dieses fast leeren Schranks reichte aus, um mir kalten Schweiß auf die Stirn zu treiben.

In der Zwischenzeit hatte ich ein äußerst ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen: Ich wollte die Autoren kontaktieren, die die von Rolling Stone als „The Rolling Stone Interviews“ bezeichneten Interviews geführt hatten. Dabei handelte es sich um die ausführlichen Interviews, für die das Magazin in den 1970er Jahren berühmt wurde und von denen viele Meilensteine des Journalismus darstellten.

Zu den Interviewpartnern gehörten John Lennon, Mick Jagger, David Bowie, Tom Wolfe und Bob Dylan. Das Ziel war es, die Tonbänder zu erwerben. (Die meisten dieser Interviews wurden auf Kassetten aufgenommen und von den Autoren transkribiert.) Jann hatte einige dieser Interviews geführt, darunter einige der historisch bedeutendsten mit Bob Dylan, Jimi Hendrix und John Lennon.

Auf diesen Bändern lag ein wahrer Schatz, und wir hofften, dass wir das Audiomaterial im Museum irgendwie nutzen könnten. Jann schickte jedem der Autoren einen Brief, in dem er das Projekt erläuterte und sie darauf hinwies, dass ich mich bei ihnen melden würde. Ich schrieb unter anderem an den Filmemacher und ehemaligen Rolling-Stone-Autor Cameron Crowe, an Jerry Hopkins und an Ben Fong-Torres. Und am Ende des Flurs in den Büroräumen des Magazins schaute ich kurz bei den Autoren David Fricke, Jim Henke und Anthony DeCurtis vorbei – deren Texte ich alle schon seit meiner Schulzeit las. Letztendlich gehörten jedoch Jerry Hopkins und Ben Fong-Torres zu den wenigen Autoren, die mitwirkten.

The Rock & Roll Hall of Fame: The Outrageous, Definitive, & Untold History by Craig Inciardi
English | September 30, 2025 | ISBN: 9798895150481, 9798895150498

Richard Macphail und Genesis

Richard Macphail war der heimliche sechste Mann bei GENESIS. Von 1967 bis 1973 prägte er die Anfangszeit der legendären Band entscheidend mit und verhalf GENESIS zu ersten Erfolgen auf dem Weg zum Rock-Olymp: Richard beschaffte Tourbus und Proberaum, er war Fahrer, Roadie und Koch, Tourmanager, Ratgeber und Techniker. Oder wie Peter Gabriel es ausdrückte, „das offizielle Chamäleon der Band“.

Während Phil Collins für den Job als Trommler vorspielte, Steve Hackett die Nachfolge von Ant(hony) Phillips antrat und Meisterwerke wie „The Musical Box“ und „Supper’s Ready“ entstanden, wirkte Richard stets als GENESIS’ guter Geist hinter den Kulissen.

Bevor er bei Genesis ankam. wurde er Sänger in einer Studentenband namens Anon, zu der auch seine Mitbewohner Anthony Phillips und Mike Rutherford gehörten. Andere Schüler der Charterhouse School, darunter Peter Gabriel und Tony Banks, gründeten eine Band namens The Garden Wall, und am Ende des Sommersemesters 1966 überredete Macphail den Schulleiter, die beiden Bands gemeinsam ein Schulkonzert geben zu lassen. Die Bands schlossen sich später zusammen und wurden zu Genesis, aber zu diesem Zeitpunkt hatten Macphails Eltern, die wollten, dass er Anwalt oder Arzt wurde, ihn bereits von der Schule genommen.

Als die Charterhouse-Musiker 1968 ihr Debütalbum als Genesis aufnahmen, war Macphail von seinen Eltern in einen Kibbuz in Israel geschickt worden. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien nahm er wieder Kontakt zu Genesis auf und half Gabriel dabei, Treffen mit Plattenlabels und Promotern zu organisieren, wodurch sie einen sechswöchigen Auftritt im Ronnie Scott’s Jazzclub in Soho, London, und einen Plattenvertrag mit dem Label Charisma erhielten. Die Band verbrachte Monate damit, in einem leerstehenden Cottage in Surrey, das Macphails Eltern gehörte, zu proben und ihren Prog-Rock-Sound zu entwickeln.

Anon

  • Anthony Phillips – g
  • Rivers Job – bass
  • Richard Macphail – voc
  • Rob Tyrell – dr
  • Mike Rutherford – rh-g

The Garden Wall

  • Peter Gabriel – voc
  • Tony Banks – p
  • Anthony Phillips – g (“Ant spielte Gitarre bei uns und auch bei ihnen, quasi als Nebenprojekt – er war seiner Zeit weit voraus.“ [S.45]
  • Chris Stewart – dr (der erste Drummer von Genesis)
  • „und auch ein Duckite“ (Macphail 2021. S. 45)

Zum Schuljahresende im Sommer 1966 fand dann das fast schon legendäre Konzert von Anon zusammen mit The Garden Wall statt, das in gewisser Hinsicht die Verschmelzung von Anon und The Garden Wall zu Genesis einleitete.[1]

1970 waren wir am Boden zerstört, als Ant, bis dahin unser produktivster Songschreiber, Bühnenangst entwickelte und die Band verließ.[2]

Ant wiederum hatte mich umgehauen. Er konnte einfach alles spielen, und dabei war er erst 13! Er hatte ein unfassbares Gehör, gewaltiges Talent. […] Ant spielte es einfach. Für sein Alter war er unglaublich gut.[3]

Ehrlich gesagt konnte ich gar nicht so gut Gitarre spielen, vielleicht nur vier Akkorde. Aber Ant wurde mein Lehrmeister und brachte mir viele neue Akkorde bei. Ant und ich entwickelten eine Spielweise mit zwei Gitarren, die dann die Grundlage für die frühe Musik von Genesis wurde.“
(Zitat von Mike Rutherford, in Macphail 2021, S. 41)

1973 wurde Rich klar, dass er kein eigenes Leben mehr hatte. Er stieg bei Genesis aus, startete diverse Initiativen alternativer Lebensführung und wurde schließlich grüner Energieberater. Hin und wieder allerdings half er bei Genesis in der Organisation aus und avancierte zum gefragten Teilzeit-Tourmanager. Auf ihn verließen sich Brand X, Peter Hammill, Van Morrison oder Leonard Cohen. Als Peter Gabriel seine Solokarriere begann, war Richard erneut als Tourmanager an dessen Seite.

Richard Macphail starb unerwartet am 26. August 2024 im Alter von 73 Jahren in seinem Haus in London. Eine Obduktion bestätigte, dass er an einer Herzerkrankung gestorben war, zu der auch Diabetes beigetragen hatte.

Zu seinem Tod äußerte sich sein langjähriger Freund Peter Gabriel:

Mit großer Bestürzung habe ich gestern Abend vom Tod von
Richard Macphail erfahren.
Wir hatten sechzig Jahre gemeinsame Geschichte, von der Schulzeit an, als er der coole Sänger in der Band „Anon“ war, bis zu dem Zeitpunkt, als ich letzte Woche mit ihm sprach, nachdem er einen schlimmen Sturz erlitten hatte.
Rich war derjenige, der uns immer wieder aus schwierigen Situationen herausgeholt hat. Als wir uns keinen Proberaum leisten konnten, überredete er seine Eltern, uns das Landhaus ihrer Familie in Abinger Hammer für ein Jahr zu überlassen, und als wir uns keinen Van leisten konnten, überredete er seinen Vater, uns einen alten Hovis-Brotlieferwagen zu überlassen, mit dem wir durch das Land fuhren. Wenn einige in der Band Zweifel an unserer Zukunft hatten, inspirierte er uns alle und überzeugte uns, weiterzumachen.

Er wurde vom Freund und Champion zum Tourmanager von Genesis und dann zu meinem eigenen Tourmanager, als ich wieder zu arbeiten begann. Seine Entschlossenheit, seine gute Laune und sein Enthusiasmus haben uns alle durch so viele schwierige Momente gebracht.
Richard, ich kann nicht glauben, dass du nicht mehr hier bist. Unsere Beziehung war nicht immer einfach, aber sie basierte auf Liebe, Respekt und gemeinsamer Erfahrung, und in meinem Leben klafft nun eine große Lücke.
Ich werde dich vermissen, Rich.


Quelle: Richard Macphail , GENESIS und ICH, Mendoza Verlag, Wetzlar 2021

[1] https://www.genesis-fanclub.de/c-Richard-Macphail-Biografie-s76.html

[2] Peter Gabriel im Vorwort zu Macphail 2021, S.13

[3] Macphail 2021, S. 36/37.


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