Beiträge zur Musik und mein Senf zu anderen Dingen

Kategorie: Literatur Seite 4 von 8

Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen

Mit einem Zitat möchte ich dieses vergnüglich zu lesende Buch des italienischen Psychologen Giulio Cesare Giacobbe vorstellen:

Wollen Sie das Leben wirklich in vollen Zügen genießen? Das ist keine dumme Frage: Es gibt nämlich irregeleitete Zeitgenossen, die sich im Unglück regelrecht suhlen und stocksauer werden, wenn man sich erdreistet, sie davon abhalten zu wollen. Wenn Sie nicht zu dieser Sorte Mensch gehören, zu den Masochisten nämlich, dann können Sie jetzt beruhigt weiterlesen: Für Sie wird dieses Buch sich noch als sehr nützlich erweisen.

Sind Sie hingegen Masochist, legen Sie es trotzdem nicht weg: Ein Buch zu lesen, das für Sie völlig wertlos ist, ist doch schon eine ganz passable Selbstquälerei. Wenn Sie sich so richtig fertig machen, indem Sie all die klugen Ratschläge nicht in die Praxis umsetzen, dann wächst das Lustempfinden geradezu ins Unermessliche. Und all diese köstlichen Qualen werden Ihnen ohne die Hilfe anderer Menschen zuteil, die ja doch immer irgendetwas dafür wollen, manchmal sogar etwas ganz und gar Unsägliches.

Mir ist es ohnehin schnurz, ob Sie weiterlesen oder nicht. Schließlich haben Sie das Buch schon gekauft. Verleihen allerdings kommt nicht in Frage! Lassen Sie auch andere Leute in ihr Unglück rennen – falls diese sich partout weigern, es zu erwerben, gibt es immer noch die Möglichkeit, dass Sie eines kaufen und es ihnen schenken – und genießen Sie den Gedanken, dass diese masochistisch genug veranlagt sind, um es zu lesen.

So wie Sie.“ […]

„Fragen Sie einen typischen Hirnwichser, ob er glücklich ist, wird er mit Nein antworten. Er wird Ihnen anvertrauen, dass er schrecklich unglücklich ist und fürchterlich leidet. Und tatsächlich ist das, worunter wir leiden, nur ganz selten körperlichen Ursprungs, ganz im Gegenteil: Leiden entsteht in den allermeisten Fällen im Kopf. Und zwar durch Onanie. Geistige Onanie natürlich.

Hirnwichserei verursacht also negative Gefühle. Mit anderen Worten: Leiden. Wenn Sie klug sind (und als Käufer dieses Buches sind Sie klug: Zufrieden?), wird Ihnen das als Antwort nicht reichen. Dann wollen Sie mehr über den Mechanismus der Hirnwichserei und des Leidens im Allgemeinen wissen.

Und wer jetzt mehr über positive und negative Hirnwichserei und warum wir hirnwichsen wissen möchte, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Die deutsche Erstausgabe ist bereits 2005 erschienen, das Buch ging aber bis jetzt an mir vorbei…

Zitate stammen aus:

Giulio Cesare Giacobbe, Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005

Vergesst unsere Namen nicht!

Simon Stranger wurde 1976 geboren und lebt mit seiner Familie in Oslo. Sein Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ war in Norwegen ein großer Erfolg und wurde in vierzehn Länder verkauft.

Simon Stranger erzählt darin die Geschichte der jüdischen Familie seiner Frau im von Nazi-Deutschland besetzten Norwegen. Jedes Buchkapitel beginnt mit einem Buchstaben und den passenden Worten, die sich daraus ergeben – von A wie Anklage bis Z wie Zugvögel.

Im Kapitel F ist der folgende Satz zu lesen:

F wie früher, die Vergangenheit, die es immer noch gibt, und wie der Faschismus, der sich hineinfrisst, wie ein Furunkel in die Kultur.

Ein Furunkel, das nicht aufhört, sich in unsere Gesellschaft hineinzufressen. In einer Zeit, die von politischen und ökonomischen Krisen geprägt ist, versuchen Rechtspopulisten mit vereinfachten Antworten, die aber der Komplexität der Probleme in keinster Weise gerecht werden, eine Lösung vorzugaukeln.

Doch jene Partei, die sich Alternative nennt, ist dies nicht. Ganz und gar nicht. Sondern in Wahrheit der Feind unseres Landes; eine Partei, die Deutschland in die Isolation und Abschottung führen und es damit all seiner Zukunft berauben würde. Eine Partei, die für rassistisches, völkisches, ausgrenzendes, kurz: faschistoides Gedankengut steht, das auf den Müllhaufen der Geschichte gehört und schon längst dort liegen sollte. [Quelle]

Simon Stranger: „Vergesst unsere Namen nicht“, erschienen im Eichborn Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Thorsten Alms
350 Seiten
ISBN 978-3-8479-0072-6

Eine Besprechung des Buches findet Ihr bei „Zeichen und Zeiten

Politikdarsteller und ihre Zurschaustellung von Inkompetenz

„Außer dem Lesen von überregionalen Witzblättern sah er jeden Abend fern, am liebsten öffentlich-rechtlich. Erst die Nachrichten und danach die einschlägigen Selbstentlarvungsshows mit Plasberg, Will, Beckmann, Maischberger, Illner oder Lanz. Die industrialisierte Zurschaustellung von Inkompetenz erheiterte ihn.

Im Spätkapitalismus gab es keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch ein Gesellschaftsspiel, dessen Ziel darin bestand, die kläglichen Überreste von Politik möglichst gekonnt in Unterhaltungswert umzusetzen. Da die Politiker nach eigenem Verständnis ohnehin nichts mehr zu entscheiden hatten, verwandelten sie sich in Politikdarsteller, deren Hauptaufgabe in Emotionstheater, Überzeugungsinszenierung und Entscheidungssimulation bestand.

In gewisser Weise war das Kunst. Es gab Empörungsarien, Schuld-zuweisungssinfonien und Forderungsballaden. Bequem saß Kron im Sessel, wie es das System von ihm erwartete, und schaute Kanzlerkandidaten, Oppositionsführern und Regierungssprechern beim Rüberkommen zu. Alle schauten zu. Der Konsumbürger schaute den Journalisten zu, wie sie den Politikern dabei zuschauten, wie diese der Wirtschaft beim Wirtschaften und den Katastrophen beim Eintreten zuschauten.

Alles ließ sich in den Zyklus des Zuschauens einspeisen, Eurokrisen, Erdbeben, explodierende Bohrinseln. Bei der Suche nach nicht vorhandenen, weil in Wahrheit nicht wirklich gewollten »Lösungen« ging es ausschließlich um das Erzeugen von Unterhaltungswert.“

Kron
Auszug aus: Juli Zeh, Unterleuten
Luchterhand Literaturverlag, München 2016
ISBN 9783630874876
Gebunden, 640 Seiten,

Blick in ferne Zukunft

…Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Fascismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind –:

dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein.

Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird dahinter kommen: Herrschaften, es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, daß der Staat lebe – es kommt darauf an, daß der Mensch lebe.

Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: „Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!“

Und seine Bücher werden gekauft werden oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme.

Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde. Und das wird dann so gehen, bis eines Tages…

Autor: Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel
Titel: Blick in ferne Zukunft aus: Die Weltbühne. Jahrgang 26, Nummer 44, Seite 665. Herausgeber: Carl von Ossietzky
Erscheinungsdatum: 28. Oktober 1930

Zitat

„Lesen ist Denken mit fremden Gehirn.“
Jorge Luis Borges

 

Herumgestöbert: Szenekneipe

Per Zufall bin ich auf diese Arbeit gestoßen, die mich an eine wissenschaftliche Untersuchung erinnert hat, die von Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni stammt, „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform oder „Zwei Halbe auf mich!“ aus dem Jahr 1987.

Also habe ich mal ein bisschen „quer“ gelesen im „Kommunikationsraum Szenekneipe“.

Und wann wart Ihr zuletzt in einer Szenekneipe? Was ist das überhaupt, was kennzeichnet sie, welche Relevanz hat sie für eine gewisse Lebensspanne, welche Kommunikationsstrukturen findet man dort und welche Bedeutung hat sie als Ort der Selbstinszenierung und des Selbstmarketing?

Das sind nur einige Punkte, welche Anneli Starzinger in ihrer Studie berührt, die in erster Linie auf teilnehmender Beobachtung sowie Tiefeninterviews mit Betreibern, Personal und Gästen von Szenekneipen und Befragung mit standardisierten Fragebögen basierte. Durch eine Fragebogenaktion wurden jeweils 200 Personen in Essen und in Bonn aufgefordert, einmal aufzuzählen, welche Kneipen sie in ihrer Stadt als „Szenekneipen“ bezeichnen würden. Die beiden am häufigsten genannten wurden anschließend als Untersuchungseinheit ausgewählt.

Mich hat an der Studie u.a. der Stellenwert, den die Musik in der Kneipe hat, interessiert.

Musik als Medium, über das man sich einer bestimmten Kneipenszene zuordnet, spielt offenbar nicht mehr eine vorrangige Rolle.  Sie dient hier eher der Unterhaltung und Untermalung und wird dementsprechend als unpassend oder störend empfunden, wenn sie zu laut oder penetrant ist.

Die interviewten Kneipenbetreiber legten Wert darauf, die Musikauswahl völlig in die Hände des Personals zu legen. In beiden Kneipen war überhaupt kein eigener Bestand an CDs oder MCs vorhanden. Die diensthabenden Mitarbeiter brachten ihre Musik jeweils selber mit, und ihr Geschmack oder Interesse für Musik entschied dann über die gespielte Musik. Dabei konnte es auch vorkommen, dass ein Mitarbeiter gar keine Musik mitbrachte und dann dementsprechend Stille herrschte.  Häufiger war aber der Fall, dass etliche Mitarbeiter besondere Sorgfalt in die Auswahl der mitgebrachten Musik investierten und dafür auch bekannt waren.

Musikhören in der Kneipe hatte früher einen anderen und größeren Stellenwert als heute, da es für viele Jugendliche oft die einzige Möglichkeit war, die ein beengtes bzw. durch elterliche Musik bestimmtes Zuhause nicht bot. Mit dem Entstehen von Jugendzentren oder anderen Treffpunkten, die sich eher für gemeinsames Musikhören oder/und Tanzen eigneten, nahm die Bedeutung von Kneipen dafür eher ab.

Eine wichtigere Rolle spielt die Musik in den Szenekneipen, die – bevorzugt am Wochen-
ende – auch Tanz anbieten. Hier handelt es sich in der Regel um große Szenekneipen, die über entsprechende räumliche Möglichkeiten verfügen. Durch dieses zusätzliche Angebot verändert sich naturgemäß auch die Zusammensetzung des Publikums. Viele suchen am Wochenende gezielt Orte auf, an denen auch die Möglichkeit zum Tanz besteht. Diese Option wurde häufig als ein positives Kriterium einer Szenekneipe herausgehoben. Meistens handelte es sich bei den Gästen, die dieses Merkmal betonten, um Leute, die angaben, ungern eine normale Diskothek aufzusuchen. Ihnen war die Kombination von Szenekneipe und Tanzmöglichkeit offensichtlich wichtig.

Nicht selten bildet sich in den Szenekneipen, die Tanz anbieten, um die Tanzfläche herum ein Kreis  von  tanzwilligen Leuten,  die  auf „ihre“ Musik  warten.  Hier wird passende Musik zum ausschlaggebenden Kriterium für die Tanzbereitschaft.  Nicht selten bedauerten Gäste, daß die Musik so sei, daß sie ihnen den Spaß am Tanzen verderben würde. Auch wenn Sehen und Gesehenwerden,  Show  und  Selbstdarstellung  auf der Tanzfläche  sicherlich  eine  gesteigerte Rolle spielen, ist die Bedeutung der Musik dabei  als symbolischer Zuordnungsfaktor zu einer Tanzgemeinde nicht zu  unterschätzen.  Besonders vom „älteren“ Szenekneipenpublikum wurde oft beanstandet, daß die Technorhythmen der nachwachsenden Szenegeneration für  sie nicht ertragbar oder gar tanzbar seien.

Anneli Starzinger, Kommunikationsraum Szenekneipe. Annäherung an ein Produkt der Erlebnisgesellschaft. Dt. Univ.-Verlag, Wiesbaden, 2000

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