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„Hope and Fury” von Joe Jackson erschienen

Joe Jackson, der oft als musikalisches Chamäleon bezeichnet wird, betont, dass der Großteil seines Schaffens seinem ganz eigenen „Mainstream“ angehört – raffinierte Popsongs mit ständig wechselnden Rhythmen und Klangtexturen.

Die letzte Veröffentlichung von Joe Jackson erschien im November 2023 „Mr. Joe Jackson Presents ‚What A Racket‘: The Music Of Max Champion“, eine Sammlung von Songs, die von dem längst vergessenen Music-Hall-Künstler Max Champion geschrieben wurden. War das tatsächlich so? Doch es ist niemand anderes als Joe Jackson selbst, der hier seiner Liebe zum Music Hall frönte.

Dazu hat er sich nicht nur ein Alter Ego ausgedacht, sondern auch einen Bart angeklebt und einen falschen Cockney-Akzent eingeübt. Für eingefleischte Fans dürfte das keine große Überraschung sein, immerhin hat sich Jackson, der eigentlich auch nicht Joe heißt, sondern David Ian, schon mehrmals neu erfunden.

Joe Jackson über sein neues Album „Hope and Fury“

„Hope and Fury“, heißt das neue Album, das Jackson, der im August 72 Jahre alt wird, mit einer strapaziösen Tournee durch 14 Länder mit 80 Terminen bewirbt. „Es ist verrückt“, sagt er achselzuckend. „Aber ich habe bereits mit einer Diät und einem Trainingsprogramm begonnen. Von denen, die noch am Leben sind, haben so viele meiner Kollegen schon vor langer Zeit aufgegeben, sie haben das Interesse verloren, sie können nicht mehr singen. Ich bin so gut wie früher. Ich werde so lange weitermachen, wie ich kann.“

Ich mache heute bessere Platten, und da ich keine falsche Bescheidenheit kenne, ist die neue verdammt großartig“, so Joe Jackson in einem Interview mit der Musikzeitschrift Mojo. Im Rolling Stone Interview ergänzt er: „Das hat nichts mit Großspurigkeit zu tun. Aber was soll ich anderes sagen? Wie konnte ich von jemandem erwarten, das Album zu mögen, wenn ich es selbst nicht mag?“

Nun kehrt der Brite zu einigen seiner musikalischen Wurzeln zurück: anspruchsvolle Popsongs, die Einflüsse aus Rock, Jazz, Funk und Latin miteinander verbinden – oder, wie er es selbst beschreibt, »Bicoastal LatinJazzFunkRock«.

,,In dem Album stecken viele Gefiihle, die ich für England hege. Dinge, die ich liebe, und Dinge, die schiefgelaufen sind. Der amerikanische Einfluss, der Verfall.“

Er ist stolz auf „Hope and Fury“. Der verblüffende Opener „Welcome To Burning-By-Sea“ in der Jackson das Bild einer Provinzstadt entwirft, die von Shoppingmalls und Fast-Food-Ketten verschlungen wird. „See You In September“ ist dagegen eine Ballade mit emotionaler Energie.

Ich habe zwar eine romantische Ader, aber eigentlich geht es darum, dass ich im August Geburtstag habe, wenn sich alle frei nehmen“, sagt Jackson über den letztgenannten Song. „Ich fand den Titel großartig, bis mir jemand erzählte, dass eine amerikanische Band, von der ich noch nie gehört hatte, ihn bereits verwendet hatte. Ich war entsetzt!“ [1]

„Made God Laugh“ und „Do Do Do“ sind schon nach dem ersten Hören herausragende Songs. Und dann ist da noch „Fabulous People“, in dem der Mann, von dem Wikipedia behauptet, er lebe mit einem anderen Mann in Berlin („beides stimmt nicht“), sich mit der Schwulenkultur auseinandersetzt, wie er es gelegentlich seit „Real Men“ von 1982 tut, das später von Tori Amos gecovert wurde („In diesem Song gibt es keine Antworten; sie hat eine Zeile geändert, ich bin mir nicht sicher, warum“). Auf die Frage, ob „Fabulous People“ nicht in gewisser Weise eine fröhlichere Version von Bronski Beats Queer-Hymne „Smalltown Boy“ sei, antwortet er:

Nee. Das ist nur eine Persiflage auf L-G-B-T-Q-I-R-A-A oder was auch immer“, winkt Jackson ab. „Es wird Zeit, dass sie ein S für ‚straight‘ hinzufügen, nur um inklusiv zu sein. Auch ‚Fairy Dust‘ auf [seinem 2003er Album] ‚Volume 4‘ macht sich über die Schwulenszene lustig. Ich habe nichts Besonderes dagegen, aber wenn Leute sich selbst so ernst nehmen und alle möglichen Dinge fordern, kann ich nicht anders, als die Augen zu verdrehen. Das ist die Pompey-Seite von mir.“

Jackson sagt im Rolling Stone, dass er kein Pessimist sei, sondern jemand, der Ambivalenzen aushalte kann und sie in seinen Songs spiegele. Mit politischen Kategorien wie ,,links“ und ,,rechts“ könne er sich längst nicht mehr identifizieren. Er möchte auch mit keiner Partei in Verbindung gebracht werden.

,,Ich bin kein Experte, ich bin kein Philosoph oder Politiker. Ich denke, das Beste, was ich versuchen kann, ist, kein Teil des Problems zu sein. Mein Job ist es, Spaß und Freude zu verbreiten.“ Vor allem auf der Bühne. ,,Konzerte stiften Gemeinschaft. Man ist in etwas Gemeinsames involviert. Zumindest fiir die Dauer von zwei Stunden. Dafür mache ich das immer noch.“

Joe Jackson im Rolling Stone

„Hope and Fury“ wurde in Michael Tibes’ Fuzz Factory in Berlin-Kreuzberg und den Reservoir Studios in New York mit Co-Produzent Patrick Dillett aufgenommen. Auf dem Album ist Jacksons bewährte Stammbesetzung zu hören: Graham Maby am Bass (seit „Look Sharp!“ an Jacksons Seite), Teddy Kumpel an der Gitarre und Doug Yowell am Schlagzeug (beide seit „Fast Forward“, 2015, Teil des Teams), ergänzt durch den zweifachen Grammy-Gewinner und peruanischen Perkussionisten Paulo Stagnaro.

„Ich bin nicht jeden Tag überglücklich. Niemand kann jedes Mal einen Volltreffer landen, selbst Beethoven hatte ein paar Flops, aber es wäre doch schön, wenn einige meiner Lieder auch noch in vielen Jahren bekannt wären. Ich habe mehr Geld verdient, als ich je gedacht hätte, und wenn man mit dem, was man tut, zufrieden ist und genug Geld hat, um recht komfortabel zu leben, was gibt es Besseres als das? Wie viele Menschen haben etwas Besseres als das? Was gibt es sonst noch?“

Joe Jackson

Quelle: MOJO May 2026 | kulturnews.de | Rolling Stone Germany April 2026


[1] Die bekannteste Version von „See You In September“ stammt von den „Happenings“ aus dem Jahr 1966 und erreichte Platz 3.

Erinnerung an ein Meisterwerk

Joe Jackson’s Album „Night And Day“ von 1984 erwies sich sowohl kreativ als auch kommerziell als bedeutender Meilenstein. Nichts, was er zuvor veröffentlicht hatte, bereitete die Fans auf das vor, was kommen sollte, und doch finden sich Elemente der Songs auf „Night And Day“ in allen vier vorherigen Alben wieder.

Das Album ist das Ergebnis eines Musikers, der jegliche Vorstellungen von Zuschauerzahlen bei Konzerten, Chartplatzierungen oder finanziellen Gewinnen über Bord geworfen hat; jemand, der die kreative Kontrolle übernimmt, seinen eigenen Weg geht und für seine Bemühungen sowohl kommerziell als auch von Musikkritikern belohnt wird.

„Night And Day“ ist das erste Jackson-Album, bei dem das Keyboard im Mittelpunkt des Sounds steht. Es ist eine Mischung aus Pop, Jazz, Salsa und Dance, und „Steppin’ Out“ wurde ein Riesenerfolg, der bis in die Pop-Charts vordrang. Allein dieser Song brachte Jackson eine Grammy-Nominierung in den Kategorien „Record of the Year“ und „Best Pop Vocal Performance (Male)“ ein.

„Steppin‘ Out“ mit einem adrenalingeladenen Rhythmus, dieser klaren Melodie in einer musikalischen Zeit, in der Synthesizer dominierten, und diesen Texten, die auf einen zuzustürmen scheinen und zur Hoffnung einladen: „Wir – so müde von all der Dunkelheit in unserem Leben / ohne weitere wütende Worte zu sagen / können wieder lebendig werden / ins Auto steigen und losfahren / auf die andere Seite / ich, Schatz – hinaus in die Nacht / hinaus ins Licht“.

Jacksons Inspiration entsprang seinem Umzug nach New York nach seiner Scheidung. In diesem musikalischen Schmelztiegel einer Stadt nahm Jackson die puerto-ricanischen Rhythmen der Straßen auf und tauchte zugleich in die Stilrichtungen des Jazz ein, die vor dem Aufkommen des Rock ’n’ Roll enorm populär gewesen war. So war „Night And Day“ eine Synthese dieser beiden Genres und wurde zu einem Album, das zugleich hip und elegant, urban und doch weltgewandt war.

Das Album präsentierte zwei sehr unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten. Die ursprüngliche Seite Eins, „Night“ genannt, ist ein anhaltendes Feuerwerk an Rhythmen, ineinanderfließenden und aufeinanderprallenden Songs, die die „Stadt, die niemals schläft“ nach Einbruch der Dunkelheit widerspiegelt. Es ist das akustische Widerspiegeln eines Spaziergangs durch verschiedene Stadtviertel, bei dem man die Klänge und Stimmungen jedes einzelnen in sich aufnimmt. Im völligen Gegensatz dazu präsentierte die „Day“-Seite drei exquisite, pianogetragene Balladen – ein deutlicher Stimmungswechsel, der den Morgen nach der Nacht zuvor verkörperte. Nur der zweite Titel, „Cancer“, mit seinem markanten Salsa-Rhythmus, knüpfte an das Vorherige an.

Das Album war kein sofortiger kommerzieller Erfolg, doch es sollte schließlich als eines der besten Werke des Songwriters angesehen werden und stellte den ersten großen Durchbruch von Jackson dar, der die Breite seines künstlerischen Spektrums und seiner Ambitionen verwirklichte.

Im Song „Target“ thematisiert Jackson wie man in der Stadt, in der John Lennon erschossen wurde, zur Zielscheibe werden kann:

Obere Stadt – Innenstadt
Niemand macht sich Gedanken, ich bin eine Zielscheibe
Schwarz, weiß – Tag, Nacht
Manche sagen, ich sei verrückt, wenn ich durch dieses Viertel gehe
Sie sagen, man kann nicht vorsichtig genug sein, aber das nützt nichts
Ich bin niemand Besonderes, aber in jedem Teil der Stadt
Könnte mich jemand anlächeln, mir die Hand schütteln und mich dann erschießen
Ich weiß, was ich tue, ich bin Tag für Tag glücklich, aber dann passiert etwas, das mir den Mut nimmt

aus: „Target“

 Joe Jackson zu dem Song:

Manchmal, wenn man auf der Straße unterwegs ist, bekommt man einfach Angst. Das Lied wurde zum Teil auch dadurch inspiriert, dass Lennon erschossen wurde. Die Leute denken, wenn man einen gewissen Erfolg erreicht hat, muss man nicht mehr denselben Mist durchmachen wie alle anderen. Aber das muss man doch, weißt du. All das Geld der Welt hat John Lennon nicht davon abgehalten, seinen Kopf aus einer Tür zu strecken und erschossen zu werden. In dem Song geht es um die Paranoia, auf der Straße zu sein und zu denken: Jeder kann jederzeit eine Waffe ziehen und auf mich schießen. Ich fühle mich nicht ständig so, sonst könnte ich das nicht aushalten. Ich liebe es, in New York zu leben.

Die karnevaleske Atmosphäre der begleitenden Musik sorgt für ein seltsames Hörerlebnis. Düsterer Text verbindet sich mit heller, energiegeladener Musik, und wenn man sich auf das eine konzentriert, rückt das andere meist in den Hintergrund.

„Steppin’ Out“ ist ein Klassiker, was Komposition und Darbietung angeht. Man kann sich diesen Song gut als Soundtrack zu einem Film vorstellen, in dem jemand durch New York City gefahren wird, die Nacht ist noch jung und voller Möglichkeiten. „Steppin’ Out“ zeichnet sich durch eine melodische Leichtigkeit aus, was seinen Status als Hit-Single festigte, die sowohl in den britischen als auch in den US-amerikanischen Single-Charts Platz sechs erreichte.

Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist „Breaking Us In Two“. Die Gesangsmelodie, die die erste Zeile des Songs „Don’t you feel like trying something new?“ begleitet, ähnelt auffallend dem Anfang von „Day After Day“, einem Song der Band Badfinger aus dem Jahr 1971. „Breaking Us In Two“ entwickelt sich zwar bald zu einer überragenden Ballade, doch es ist schon ein merkwürdiger Zufall. Der Song folgte „Steppin’ Out“ in die Charts und schaffte es in den USA unter die Top 20.

Hier sind es in erster Linie Text und Jacksons Gesang, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Seine Worte flehen einen Partner an, zu versuchen, ihre Beziehung weiter auszubauen: „Du und ich könnten niemals alleine leben, aber hast du nicht das Bedürfnis, eines Tages einfach auf eigene Faust auszubrechen?“ Dies ist ein ungewöhnliches Thema für eine Liebesballade.

Höhepunkt des Albums ist aber das letzte Lied „A Slow Song“. Es zeigt Jackson auf dem Höhepunkt seines Schaffens in diesem Meisterwerk. Das Thema dieses Songs ist der Wunsch nach Musik von besserer Qualität, nach Liedern, die etwas vermitteln. Jackson hatte keine Zeit für das, was er als die homogenisierte Rock- und Popmusik betrachtete, die das Radio dominierte, und „A Slow Song“ vermittelt seine Botschaft mit Überzeugung und Emotion.

In einem Interview mit „Musicians Weekly Classified “, sagte Jackson zu dem Stück:

„Es ist sehr romantisch – es geht darum, spätabends mit jemandem in einem Club zu sein und sich einfach nur zu wünschen, der DJ würde einen langsamen Song spielen, nur weil man gerade richtig in der Stimmung dafür ist, während man mit Disco-Musik bombardiert wird. Es geht um romantische Sehnsucht. Es geht nicht darum, dass ‚die Radiowellen voller Mist sind und ich das alles wieder ins Lot bringen werde‘.

Jackson selbst, hält das Album „Night And Day“ für sein bislang bestes.

Quellen: 
- Richard James: Joe Jackson. Every album, every song. Sonicbond Publishing, 2022
- Wikipedia - Joe Jackson
- DeBaser

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