Der 2011 verstorbene Sänger, Songwriter, Musiker, Romanautor, Dichter und Aktivist war wohl einer der einflussreichsten Künstler, die seit den 1960er Jahren auf den Musikmarkt kamen.
Malik Al Nasir, Dichter, Musiker und Aktivist, der früher unter dem Namen Mark Watson bekannt war, hat in seinen Memoiren „Letters To Gil“ eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Im Wesentlichen handelt es sich um eine erweiterte Fassung eines Nachrufs, der ursprünglich im Guardian erschien.
Im Alter von neun Jahren wurde Al Nasir in Pflege genommen, als sein Vater nach einem Schlaganfall gelähmt war. Der erste Teil des Buches ist ein bewegendes, düsteres Porträt von Liverpooler Pflegeheimen in den späten 1970er und 1980er Jahren, einem System, das sich in den meisten Fällen als missbräuchlich, rassistisch, vernachlässigend und ausbeuterisch erwies (einige Gerichtsverfahren dauern bis heute an). Dies ist die Situation, die zu den Toxteth-Unruhen im Sommer 1981 führte, in großem Maßstab.
Doch 1984 ändert sich das Leben von Al Nasir im Alter von 18 Jahren völlig, als er in eine Aufführung von Scott-Heron im Liverpooler Royal Court gerät und seinem Helden begegnet.
Von da an werden die beiden gute Freunde, und Scott-Heron wird sein Mentor, der ihn über das Musikgeschäft und die Geschichte der Schwarzen unterrichtet und seine Gedichte liest und kritisiert (obwohl Al Nasir bei ihrer ersten Begegnung praktisch Analphabet ist). Al Nasir begleitet Scott-Heron auch auf mehreren Tourneen und wird zu seinem Vertrauten und Assistenten, und die spannendsten Abschnitte des Buches befassen sich mit den Erlebnissen des Reisens an der Seite eines Weltklassemusikers. Später gibt es einen bewegenden Abschnitt, in dem Al Nasir Scott-Heron während einer sehr dunklen Zeit in dessen Zeit im Gefängnis besucht, und wir erfahren viele Details über Gils traurigen Tod und die verschiedenen herzlichen Huldigungen, die danach entstanden sind.
„Letters To Gil“ ist ein Muss für jeden, der sich auch nur im Geringsten für Scott-Herons Werk und seine Beziehung zu der anderen wichtigen Proto-Rap-Band The Last Poets (mit der Al Nasir ebenfalls befreundet war und zusammenarbeitete) interessiert.
Aber es gibt auch Probleme mit dem Buch: Manchmal fehlt es an Selbsterkenntnis/Reflexion, was vielleicht ein Stilmittel zu sein scheint denn ein absichtliches Ausweichen. Es hätte auch von einem strengeren Lektorat/Korrektorat profitiert – es gibt viele Wiederholungen. Es ist schade, dass mehrere schöne Fotos, die im Guardian-Artikel enthalten sind, hier fehlen. Es muss auch gesagt werden, dass Al Nasirs Poesie, die über das ganze Buch verstreut ist, trotz ihrer kraftvollen Botschaft viel zu wünschen übriglässt.
Vielleicht ist es bezeichnend, dass die bewegendsten Worte des Buches nicht von Al Nasir, sondern von Scott-Heron selbst stammen. Er sprach über das Mantra, das ihm seine Großmutter beigebracht hatte, und fasste dann seine Erfahrungen mit der Betreuung von Al Nasir zusammen:
Wenn du jemandem helfen kannst, warum tust du es nicht? Nimm die Gelegenheit wahr, ergreife die Chance, die du ihnen bietest, und werde ein vollwertiger Erwachsener, ein Künstler, ein Gentleman, ein Vater, ein Ehemann und ein Bruder des Friedens und der Großzügigkeit. Du hast das Gefühl, dass die Geister dich auf besondere Weise berührt haben, weil sie einen deiner Träume erfüllt gesehen haben.
Poly Styrene alias Marianne Joan Elliott-Said, 2010
Poly Styrene, mit bürgerlichem Namen Marianne Joan Elliott-Said, war eine britische Punk-Ikone, deren unverwechselbare Stimme und rebellische Haltung sie zu einer der spannendsten Figuren der Punk-Ära der späten 1970er Jahre machten. Geboren am 3. Juli 1957 in Bromley, London, als Tochter einer Schottin und eines somalischen Vaters, wuchs sie in einem Großbritannien auf, das von sozialer Spannung, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt war – Themen, gegen die sie sich lautstark wehrte.
Die Stimme von X-Ray Spex 1976 gründete sie die Band X-Ray Spex, die mit nur einem Album (Germfree Adolescents, 1978) Punkgeschichte schrieb. Ihre Musik war laut, schrill, wild – aber auch reflektiert und politisch. Poly Styrene sang über Konsumwahn, Geschlechterrollen, Identität und Entfremdung in einer industrialisierten Welt. Besonders auffällig: Ihr Look – Zahnspange, grelle Farben, selbstgemachte Kleidung – war ein bewusster Bruch mit dem Glamourbild weiblicher Popstars. Ihre mädchenhafte Bühnenpräsenz stand im Kontrast zu ihrer ungezügelten Gesangsstimme.
Kult-Song: „Oh Bondage! Up Yours!“ – eine explosive Anti-Konsum-Hymne, deren berühmter Schrei „Bind me, tie me, chain me to the wall!“ ironisch mit einem krachenden „NO!“ beantwortet wird.
Außenseiterin unter Außenseitern Poly Styrene war nicht nur eine der ersten Women of Color in der britischen Punk-Szene, sondern auch eine, die offen mit psychischen Herausforderungen umging. Nach einer Fehldiagnose (Schizophrenie, später revidiert zu bipolarer Störung) zog sie sich zeitweise zurück und wandte sich spirituellen Fragen zu. In den 80ern schloss sie sich der Hare-Krishna-Bewegung an, kehrte aber später mit Soloarbeiten zur Musik zurück.
Spätes Comeback & Vermächtnis 2011 veröffentlichte sie kurz vor ihrem Tod das Album “Generation Indigo”, das elektronische Sounds mit Punk-Attitüde verband – modern, scharf, und gesellschaftskritisch wie eh und je.
Sie starb am 25. April 2011 an Brustkrebs, doch ihre Botschaft und Musik leben weiter.
Hörtipps & Audioquellen Hier könnt Ihr ihre Stimme selbst entdecken:
BBC Doku: Poly Styrene – I Am A Cliché (2021) – emotionales Porträt von ihrer Tochter Celeste Bell (auch auf DVD/VOD).
Hier ist eine Playlist mit den wichtigsten und spannendsten Songs von Poly Styrene, sowohl aus ihrer Zeit mit X-Ray Spex als auch aus ihrer Solo-Karriere. Die Tracks zeigen ihre musikalische Vielfalt, ihr politisches Bewusstsein und ihren unverwechselbaren Stil.
Playlist: “The Voice of Vision – Poly Styrene Essentials” Mit X-Ray Spex (1976–1979)
Oh Bondage! Up Yours! – Die ikonische Anti-Konsum-Hymne, roh und rebellisch.
Identity – Ein Song über Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichen Druck.
Germfree Adolescents – Titeltrack des Albums, Kritik an Reinlichkeitswahn und Oberflächlichkeit.
The Day the World Turned Day-Glo – Surrealistische Umweltkritik mit Neonvibes.
Art-I-Ficial – Ein Song über Entfremdung in einer technisierten Gesellschaft.
I Am a Poseur – Ironische Abrechnung mit Oberflächlichkeit im Punk.
Warrior in Woolworths – Poetisch, urban, kämpferisch – die Heldin des Alltags.
Plastic Bag – Früher Protest gegen Umweltverschmutzung und Wegwerfgesellschaft.
Der Club 27 bezeichnet eine Gruppe von berühmten Musikerinnen und Musikern, die alle im Alter von 27 Jahren auf tragische Weise gestorben sind. Der Begriff entstand, weil auffällig viele Rock- und Popstars in diesem Alter verstarben – oft durch Drogen, Alkohol, Unfälle oder Selbstmord.
Zu den bekanntesten Mitgliedern des Klub 27 gehören:
Jimi Hendrix († 1970) – Gitarrist und Rocklegende
Janis Joplin († 1970) – Sängerin und Ikone des Psychedelic Rock
Jim Morrison († 1971) – Sänger der Band The Doors
Kurt Cobain († 1994) – Frontmann von Nirvana
Amy Winehouse († 2011) – Soul- und Popsängerin
Auch Pete Ham von Badfinger zählt dazu. Der britische Sänger, Gitarrist und Songwriter war Gründungsmitglied der Band. Er schrieb unter anderem den Hit „Without You“, der später durch Harry Nilsson und Mariah Carey weltberühmt wurde. Ham beging im Alter von 27 Jahren Suizid und wird daher oft dem sogenannten „Club 27“ zugeordnet.
Der Klub 27 steht symbolisch für den Mythos vom „zerstörerischen Leben im Rampenlicht“: große Talente, die dem Druck, dem Ruhm und oft auch den eigenen inneren Dämonen nicht standhalten konnten. Der Begriff wird manchmal auch kritisch gesehen, weil er ein tragisches Schicksal fast romantisiert.
Die ersten Hinweise auf ein „Muster“ traten Anfang der 1970er Jahre auf. Innerhalb von nur zwei Jahren starben drei der größten Musikikonen ihrer Zeit:
Jimi Hendrix – September 1970 (Ersticken infolge von Drogenkonsum)
Janis Joplin – Oktober 1970 (Heroin-Überdosis)
Jim Morrison – Juli 1971 (vermutlich Herzversagen, möglicherweise Drogenkonsum)
Alle waren 27 Jahre alt. Diese auffällige Häufung führte zu ersten Spekulationen: War es Zufall? War dieses Alter besonders gefährlich für kreative Menschen? Oder steckte mehr dahinter?
Doch der Begriff „Club 27“ oder „27 Club“ wurde erst Jahrzehnte später populär – insbesondere nach dem Tod von Kurt Cobain im Jahr 1994. Cobain, Frontmann von Nirvana, nahm sich ebenfalls mit 27 Jahren das Leben. Medien und Fans begannen, Parallelen zu den Rocklegenden der 70er zu ziehen. Der Begriff „Klub 27“ tauchte nun vermehrt in Artikeln, Dokumentationen und Fan-Diskussionen auf.
Als 2011 Amy Winehouse im selben Alter starb, schien sich das Muster zu bestätigen – und der Mythos war endgültig in der Popkultur verankert.
Warum fasziniert der Klub 27 so sehr?
Romantisierung des Leidensgenies: Die Vorstellung vom genialen, sensiblen Künstler, der an der Welt zerbricht, ist tief in der Kultur verwurzelt.
Tragischer Ruhm: Viele Mitglieder des Klub 27 starben auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – ihre Musik bleibt unvergänglich, ihr Leben scheinbar unvollendet.
Medienwirkung: Filme, Bücher und Dokus haben den Mythos verstärkt. Es gibt sogar Verschwörungstheorien und esoterische Deutungen rund um das Alter 27.
Fazit
Der „Klub 27“ ist ein kulturelles Phänomen, das auf echten Tragödien basiert – aber auch auf dem Wunsch, in Mustern Sinn zu erkennen. Für viele bleibt er eine düstere Erinnerung daran, wie zerbrechlich selbst große Stars sein können.
Peter Frampton, geboren am 22. April 1950 in Beckenham, England, ist eine der schillerndsten Figuren der Rockmusik der 1970er Jahre. Als Gitarrist, Sänger und Songwriter hat er einen bleibenden Eindruck hinterlassen – nicht nur durch seine technischen Fähigkeiten, sondern auch durch seine unverwechselbare Wärme und Musikalität.
Frampton wuchs in einem kreativen Umfeld auf; schon als Kind zeigte er eine Leidenschaft für Musik. Mit zwölf Jahren spielte er in Bands, und bald wurde klar, dass er ein außergewöhnliches Talent an der Gitarre hatte. Zu Beginn seiner Karriere war er Mitglied der Bands The Herd und später Humble Pie, wo er als Gitarrist und Co-Frontmann erste größere Erfolge feierte.
Der große Durchbruch kam jedoch, als er sich entschloss, eine Solokarriere einzuschlagen. Nach einigen respektierten, aber mäßig erfolgreichen Studioalben veröffentlichte er 1976 das legendäre Live-Album „Frampton Comes Alive!“ – ein Werk, das ihn über Nacht zum internationalen Superstar machte. Mit Songs wie „Show Me the Way“, „Baby, I Love Your Way“ und „Do You Feel Like We Do“ verband Frampton eingängige Melodien mit beeindruckender Gitarrenkunst. Besonders sein Einsatz der „Talkbox“ – ein Effektgerät, das seine Gitarre sprechen ließ – wurde zu seinem Markenzeichen und verhalf ihm zu einem ikonischen Sound.
„Frampton Comes Alive!“ verkaufte sich über 10 Millionen Mal und gilt bis heute als eines der erfolgreichsten Live-Alben aller Zeiten. Frampton wurde zum Gesicht einer Generation, ein jugendlicher Gitarrenheld mit einem freundlichen Lächeln, der mühelos zwischen Rock, Pop und Blues balancierte.
Doch der gewaltige Erfolg hatte auch Schattenseiten: Die hohen Erwartungen an seine folgenden Alben und der plötzliche Ruhm belasteten ihn schwer. In den späten 1970er Jahren erlebte er eine Phase des künstlerischen und persönlichen Rückzugs. Doch Frampton blieb sich stets treu, veröffentlichte weiterhin Alben, entwickelte sich musikalisch weiter und arbeitete mit Größen wie David Bowie (seinem alten Schulfreund) zusammen.
In den 2000er Jahren erlebte er ein starkes Comeback mit dem Grammy-prämierten Instrumentalalbum „Fingerprints“. Auch in späteren Jahren zeigte er keine Müdigkeit: Selbst als bei ihm 2019 eine degenerative Muskelkrankheit (IBM) diagnostiziert wurde, ging er auf eine große Abschiedstournee und veröffentlichte weitere Aufnahmen, die sein Talent und seine Leidenschaft für Musik eindrucksvoll dokumentieren.
Peter Frampton ist mehr als nur ein Rockstar vergangener Tage. Er ist ein lebendes Symbol für Hingabe, Resilienz und die zeitlose Magie handgemachter Musik – ein Künstler, der immer seinem eigenen Weg gefolgt ist, mit einer Gitarre in der Hand und einem offenen Herzen.
Rezension: Peter Frampton – Frampton Comes Alive! (1976)
Als „Frampton Comes Alive!“ im Januar 1976 erschien, war es eine kleine Sensation – und wurde schnell zu einem der erfolgreichsten Live-Alben der Rockgeschichte. Was dieses Album so besonders macht, ist die perfekte Mischung aus technischer Brillanz, emotionaler Wärme und echter Bühnenenergie, die Peter Frampton auf beeindruckende Weise einfängt.
Schon der Opener „Something’s Happening“ reißt das Publikum mit: Frampton spielt nicht nur für die Zuhörer, sondern mit ihnen. Seine Gitarrensoli sind virtuos, doch nie selbstverliebt. Besonders in Songs wie „Show Me the Way“ und „Baby, I Love Your Way“ zeigt sich seine große Stärke: eingängige Melodien, die direkt ins Herz treffen, gepaart mit seinem sympathischen, leicht rauchigen Gesang.
Eines der absoluten Highlights ist „Do You Feel Like We Do“, eine über 14 Minuten lange Jam-Session, in der Frampton mit seiner Talkbox eine bis dahin nie gehörte Verbindung zwischen Mensch und Gitarre schafft. Das Stück ist eine Meisterklasse in Dynamik – von sanften Passagen bis hin zu ekstatischen Gitarrenexplosionen.
Was Frampton Comes Alive! so herausragend macht, ist die Atmosphäre. Man hört und fühlt, dass Frampton hier auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Freiheit spielt. Seine Interaktion mit dem Publikum ist ehrlich und entspannt, weit entfernt vom aufgesetzten Posen manch anderer Rockstars jener Zeit.
Klanglich ist das Album erstaunlich klar für eine Liveaufnahme der 70er Jahre. Die Produktion fängt die rohe Energie des Konzerts ein, ohne sie zu glätten, und verleiht den Songs eine unmittelbare Lebendigkeit, die auch heute noch begeistert.
Fazit: „Frampton Comes Alive!“ ist mehr als nur ein Live-Album – es ist ein lebendiges Dokument einer Zeit, in der Rockmusik voller Herz und Seele war. Peter Frampton bewies hier nicht nur sein technisches Können, sondern auch seine Fähigkeit, eine echte Verbindung zu seinem Publikum aufzubauen. Ein absoluter Klassiker, der auch fast 50 Jahre später nichts von seiner Strahlkraft verloren hat.
Das 1968 geschriebene und 1972 überarbeitete „Awopbopaloobop Alopbamboom“ war das erste Buch, das die Sprache und die ursprüngliche Essenz des Rock ’n‘ Roll feierte. Aber es war noch viel mehr als das. Es war eine überzeugende Geschichte einer widerspenstigen Ära, vom Aufstieg von Bill Haley bis zum Tod von Jimi Hendrix.
Und während er unerhörte Geschichten erzählte, die Musik anschaulich beschrieb und den Hype durchbrach, begründete Nik Cohn eine neue literarische Form: die Rockkritik. Im Gefolge seines Buches hat sich die Rockkritik zu einer regelrechten Industrie entwickelt, und die Welt der Musik ist nicht mehr dieselbe.
Nik Cohns Reportage von der Rockfront ist mehr als 55 Jahre alt (der Autor geht auf die 80 zu) und ist immer noch so wild wie damals, als er 1969 auf die Szene stürmte. Seitdem sind viele skandinavische Wälder abgeholzt worden, um die Pop-Revolution zu beschreiben. Namen wie Greil Marcus, Philip Norman und Jon Savage drängeln sich an der Spitze eines überfüllten Feldes um Aufmerksamkeit, aber Nik Cohn war der erste. Keiner hatte das Thema so ernst genommen wie er. Auf 250 Seiten wurde eine neue Form der Rockkritik vorgestellt.
Dies war eine neue Art des kritischen Diskurses, eine mit jugendlicher Intensität. „Vom ersten Hauch von Tutti Frutti an“, schreibt Cohn, “hatte mich der Rock’n’Roll mit Leib und Seele in Besitz genommen.“ Von 1956 bis 1968 berichtete er über den „ersten verrückten Rausch“ eines Phänomens, das sich schließlich in Disco, Heavy Metal, Grunge, Glam, Techno, Punk und viele bizarre Subgenres verwandeln sollte.
Zunächst schrieb Cohn als Freiberufler, der durch die Straßen von Soho streifte, und später für das supercoole Magazin Queen. Schließlich bekam er einen Job für den Observer. Der berühmte Plattenproduzent (und Manager von The Who) Kit Lambert erinnert sich, dass Cohn „um 1963“ als „dünner junger Mann – er sah aus wie 14 – in sorgfältig verschmutzten Turnschuhen“ auftauchte. Cohns Ansatz war perfekt auf sein Thema abgestimmt. Er schreibt: „Rock in den späten 60er Jahren war noch eine spontane Entzündung. Niemand kümmerte sich um langfristige Strategien; an ein Durchhalten war nicht zu denken, sobald der Nervenkitzel vorbei war. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass die Stones oder die Who in mehr als 30 Jahren noch auf den Brettern stehen würden, hätte ich ihn für verrückt gehalten.“
Cohn, der Sohn des Historikers Norman Cohn, Autor des Kultklassikers „The Pursuit of the Millennium“, wuchs in Irland auf, floh aber 1963 nach London, „dem Jahr, in dem die Beatles den Durchbruch schafften und sich das Klima von Tag zu Tag zu ändern schien“. Der großstädtische Konsumrausch, an dem er teilhatte, beschränkte sich nicht auf den Rock’n’Roll. Er schreibt, dass „Zeitungsredakteure, Buchverleger, Modemagazine und Filmfinanziers alle vom gleichen Fieber erfasst wurden. Fast über Nacht war es der heißeste Job, ein degenerierter Teenager zu sein“.
Als er 22 war, waren diese berauschenden Tage vorbei. „Noch während ich den Moment auskostete“, erinnert sich Cohn, “waren Rock und Pop bereits im Wandel. Die Welt, die ich kannte und genoss, war im Grunde genommen ein verbotenes Gewerbe, bevölkert von Abenteurern, Schlangenölverkäufern und inspirierten Verrückten. Aber ihre Zeit war fast vorbei. Die Szene wurde immer industrieller. Buchhalter und Bonzen verdrängten die wilden Männer. Schon bald war der Rock „nur noch ein weiterer Wirtschaftszweig, nicht mehr oder weniger exotisch als Autos oder Waschmittel“.
1968 nahm er den Vorschuss eines Verlegers an und verschanzte sich sieben Wochen lang in Connemara, um den ersten Entwurf zu schreiben.
Mein Ziel war ganz einfach: das Gefühl, den Puls des Rock einzufangen, wie ich ihn vorgefunden hatte. Meines Wissens hatte noch nie jemand ein ernsthaftes Buch über dieses Thema geschrieben, ich hatte also keine Vorläufer, die mich daran hindern konnten. Ich hatte auch keine Nachschlagewerke oder Nachforschungen zur Hand. Ich schrieb einfach aus dem Stegreif, was immer und wie immer der Geist mich bewegte. Genauigkeit schien mir nicht von größter Bedeutung zu sein (und das Buch ist im Ergebnis ein Morast von sachlichen Fehlern). Was ich wollte, waren Mut, Blitzlicht, Energie und Schnelligkeit. Das waren die Dinge, die ich an der Musik schätzte. Das waren die Dinge, die ich zu reflektieren versuchte, als ich ging.
„Awopbop… “ war das Ergebnis: subjektiv, widerspenstig und ungewollt endgültig. Die Fragen nach gut und/oder schlecht waren nachträglich und zufällig gestellt. Cohn verarbeitete Erinnerungen und Eindrücke. „Hatte Dions „Ruby Baby“ einen ästhetischen Wert?“, fragt er. „Wen interessierte das? Was es hatte, war schmutzige Magie – der undeutliche, sexbesoffene Gesang, diese chaotischen Handclaps, das ganze glorreiche, ungemachte Bett.“
Von Bill Haley bis Jimi Hendrix spannt Cohn den Bogen des Rock’n’Roll, mit Kapiteln über Elvis Presley, The Twist, Phil Spector, die Beatles, die Rolling Stones, The Who, Bob Dylan und sogar die Monkees. „Ich habe über den Aufstieg und Fall von Superpop, die Lärmmaschine, das Image, den Hype und den schönen Schein der Rock’n’Roll-Musik geschrieben“, resümiert er. „Elvis, der auf seinem goldenen Cadillac fährt, James Brown, der sich in einem Anfall seiner Robe entledigt, Pete Townshend, der sein Publikum mit seiner Maschinengewehrgitarre abschlachtet, Mick Jagger, der an seinem Mikrofon hängt wie Tarzan Weissmüller im Dschungel, PJ Proby – all die heroischen Taten des Stoffs“.
1972 hat er sein Buch überarbeitet. In seinen „nachträglichen Überlegungen“ schreibt Cohn:
Ich habe weder den roten Faden des Buches verfälscht, noch habe ich versucht, meine Fehler zu kaschieren.
Das bedeutet, dass vor allem eine große Fehleinschätzung immer noch besteht. Ich war davon ausgegangen, dass der progressive Pop zu einem Minderheitenkult schrumpfen würde, und das ist nicht der Fall. Nun, in England lag ich nicht ganz falsch, denn das Interesse der Teenager war seit der Euphorie Mitte der sechziger Jahre stark zurückgegangen, und neue „schwere“ Künstler verkaufen sich kaum halb so gut wie die frühen Beatles oder Rolling Stones. Aber in Amerika habe ich völlig versagt – die Woodstock-Nation ist weiter gewachsen […] aber das Geld, der Hype und die Hysterie, die damit verbunden sind, sind immer noch dieselben.
Pop lebt nun eben doch. Trotzdem habe ich mich weiter von ihm entfernt, und zwar aus denselben Gründen, die ich schon vor drei Jahren genannt habe – die neue Feierlichkeit und Frömmigkeit, die sofortige Akzeptanz von Pisspottbarden als Messiasse, der Verlust von Energie, Ehrlichkeit und Humor, all die Dinge, die ihn ursprünglich so unwiderstehlich machten. Mehr und mehr habe ich mich in die Vergangenheit zurückgezogen und bin in den Rock ’n‘ Roll der fünfziger Jahre eingetaucht.[…]
Es ist nichts geschehen, was mich dazu veranlasst hätte, das zentrale Urteil von vor drei Jahren zu revidieren. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Rock seine besten Momente erlebt hat, und zwar alle, und wenn ich auf meine erste Ausgabe zurückblicke, bedaure ich nicht, dass ich das Neue zu sehr missbraucht habe, sondern dass ich dem Alten nicht liebevoll genug begegnet bin.
Quellen: The Guardian | Nik Cohn: Awopbopaloobop Alopbamboom. The Golden Age Of Rock, Reprint 1996
Vor 55 Jahren wurde das legendäre Live-Album veröffentlicht. Es ist und bleibt eines der besten der Gruppe.
„Live at Leeds” ist das erste Live-Album von The Who. Es wurde am 14. Februar 1970 in der Mensa der Universität von Leeds aufgenommen und ist ihr einziges Live-Album, das veröffentlicht wurde, als die Gruppe noch aktiv Aufnahmen und Auftritte in ihrer bekanntesten Besetzung mit Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon absolvierte.
The Who suchten nach einer Möglichkeit, an ihr 1969 erschienenes Album „Tommy“ anzuknüpfen, und hatten mehrere Shows auf Tourneen zur Unterstützung dieses Albums aufgenommen, aber der Sound gefiel ihnen nicht. Daher buchten sie die Show in der Universität von Leeds und die Show in der Hull City Hall am folgenden Tag, um ein Live-Album aufzunehmen. Sechs Songs wurden von der Show in Leeds genommen, und das Cover wurde so gepresst, dass es wie eine Bootleg-Aufnahme aussah. Der Sound unterschied sich deutlich von „Tommy“ und enthielt Hardrock-Arrangements, die typisch für die Live-Shows der Band waren. Das Album wurde am 11. Mai 1970 in den USA und im Vereinigten Königreich veröffentlicht. Es wurde mehrfach und in verschiedenen Formaten neu aufgelegt. Seit seiner Veröffentlichung wurde „Live at Leeds“ von mehreren Musikkritikern als die beste Live-Rock-Aufnahme aller Zeiten eingestuft.
„Live at Leeds“ wurde 1970 in aller Eile veröffentlicht, um die Zeit zu überbrücken, in der The Who an ihrem Nachfolger von „Tommy“ arbeiteten. „Live at Leeds“ sollte nicht das endgültige Live-Album der Who werden, und viele Sammler behaupten, dass die Band bessere Shows auf Bootlegs zur Verfügung hatte. Aber diese Shows waren nicht leicht erhältlich, während „Live at Leeds“ es war, und selbst wenn diese Show nicht die absolut beste war, so ist sie doch so nah dran. In dieser Hinsicht war diese Aufnahme – in ihren vielen verschiedenen Formen – vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt aufgenommen worden, um die Band in einem entscheidenden Moment ihrer Geschichte festzuhalten.
Es gibt sicherlich keine bessere Platte, die zeigt, dass diese Band auf der Bühne ein Vulkan der Gewalt war, der am Rande des Chaos schwankte, aber nie explodierte. Das galt vor allem für die Original-LP, die nur sechs Titel enthielt, davon drei Coverversionen („Young Man Blues“, „Summertime Blues“, „Shakin‘ All Over“) und drei Originale aus der Mitte der 60er Jahre, von denen zwei („Substitute“, „My Generation“) zum alten Repertoire der Band gehörten und nur „Magic Bus“ so etwas wie ein neueres Original darstellte, wobei keines eine Spur ihrer Mod-Wurzeln trug. Das war pure Power, die durch ihre Kürze noch besser zur Geltung kam; in den 70er Jahren galt das Album als einer der Goldstandards im Live-Rock’n’Roll, und es hatte mit Sicherheit eine Wut, die kein richtiges Who-Studioalbum erreichte. Es war auch bemerkenswert, weil es eines der ersten legitimen Alben war, das die Existenz von Bootleg-LPs implizit anerkannte – und sich damit auseinandersetzte. In der Tat verdankte es seine Existenz den Bemühungen von Pete Townshend und Co.
The Who hatten während ihrer Tournee 1969 umfangreiche Aufnahmen von Auftritten gemacht, mit der Absicht, aus diesem Material ein Live-Album zu machen, aber sie erkannten, als die Tournee vorbei war, dass keiner von ihnen die Zeit oder die Geduld hatte, die vielen Dutzend Stunden an Live-Auftritten durchzugehen, um auszusortieren, was für das geplante Album verwendet werden sollte. Einem Bericht zufolge zerstörte die Band diese Bänder in einem riesigen Lagerfeuer, damit nichts von dem Material jemals ohne Erlaubnis auftauchen würde.
Sie beschlossen dann, bei der Vorbereitung eines Live-Albums zum anderen Extrem überzugehen, indem sie dieses Konzert in der Universität von Leeds ansetzten und die Aufnahmen arrangierten, entschlossen, bei diesem einen Auftritt genug zu tun, was sich lohnte. Wie sich herausstellte, haben sie sogar hier einen gewissen Reichtum geschaffen – die Band spielte das gesamte „Tommy“, wie es das Publikum damals erwartet (und in der Tat gefordert) hätte, aber da die Oper sich bereits wie ein Albatros anfühlte, der um den kollektiven Hals der Band (und insbesondere Townshend) hing, entschieden sie sich, abgesehen von ein paar instrumentalen Einsprengseln in einem der Jams, keinen Teil ihres berühmtesten Werks zu verwenden. Stattdessen beschränkte sich die Original-LP auf die sechs genannten Titel.
Und die Fans, die die LP kauften, bekamen ein Paket mit zusätzlichen Leckerbissen für ihr Geld. Die schlichte braune Hülle des Albums war an sich schon ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Raubkopierer, denn sie erinnerte an die Verpackungen von so frühen Underground-LP-Klassikern wie dem Bob Dylan „Great White Wonder“-Set und dem Rolling Stones-Konzert-Bootleg „Liver Than You’ll Ever Be“ von der Tournee der letzteren Gruppe im Jahr 1969 – und es war ein Zeichen dafür, wie weit die Who in nur zwei Jahren gekommen waren, dass sie das Interesse an ihrer Arbeit möglicherweise (und zu Recht) mit dem von Dylan und den Stones gleichsetzen konnten.
Aber die Hülle von „Live at Leeds“ war eine ausklappbare Hülle mit einer Tasche, die ein Paket mit Erinnerungsstücken an die Band enthielt, darunter ein wirklich cooles Poster, Kopien früher Verträge usw. Zusammen mit „Tommy“ war es die erste wirklich gute Verpackung für diese Band, die jemals von Decca Records kam; das Label verzichtete sogar auf das Regenbogenlogo und setzte auf die Bootleg-Pose mit dem schlichten Etikett und den handgeschriebenen Songtiteln sowie dem Hinweis, die Klicks und Knackser nicht zu korrigieren. Damals kaufte man es nur als Fan, aber wenn man 30 oder 40 Jahre später zurückblickt, scheinen diese Tage für die Band (und für die Fans, die sie jahrelang unterstützt hatten) ruhig und berauschend gewesen zu sein, als die Musikwelt und Millionen von Zuhörern endlich aufholten.
Live at Leeds wurde von The Daily Telegraph, The Independent, der BBC, dem Q Magazine und dem Rolling Stone als die beste Live-Rock-Aufnahme aller Zeiten bezeichnet. 2003 wurde es auf Platz 170 der Rolling Stone-Liste der 500 besten Alben aller Zeiten eingestuft, in einer überarbeiteten Liste von 2012 blieb es auf diesem Platz, 2020 fiel es auf Platz 327. In einer Rolling Stone-Leserumfrage von 2012 wurde es als bestes Live-Album aller Zeiten eingestuft.
Eine blaue Gedenktafel wurde am Aufnahmeort, dem University of Leeds Refectory, angebracht. Am 17. Juni 2006, mehr als 36 Jahre nach dem ursprünglichen Konzert, traten The Who erneut im Refectory auf, und zwar bei einem von Andy Kershaw organisierten Konzert. Kershaw lobte das Konzert als „eines der großartigsten, das ich je gesehen habe“.
„Selbst heute noch klingt Live at Leeds so lebendig“, bemerkte Rush-Bassist Geddy Lee. „Es ist ein echtes Stück aus dieser Zeit des Rock. Es ist wie ein Bootleg: das Artwork, der Ton… Es war roh.“