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Beiträge zur Musik und mein Senf zu anderen Dingen

Lesetipp: „Letters To Gil“ von Malik Al Nasir

Der 2011 verstorbene Sänger, Songwriter, Musiker, Romanautor, Dichter und Aktivist war wohl einer der einflussreichsten Künstler, die seit den 1960er Jahren auf den Musikmarkt kamen.

Malik Al Nasir, Dichter, Musiker und Aktivist, der früher unter dem Namen Mark Watson bekannt war, hat in seinen Memoiren „Letters To Gil“ eine ganz besondere Geschichte zu erzählen. Im Wesentlichen handelt es sich um eine erweiterte Fassung eines Nachrufs, der ursprünglich im Guardian erschien.

Im Alter von neun Jahren wurde Al Nasir in Pflege genommen, als sein Vater nach einem Schlaganfall gelähmt war. Der erste Teil des Buches ist ein bewegendes, düsteres Porträt von Liverpooler Pflegeheimen in den späten 1970er und 1980er Jahren, einem System, das sich in den meisten Fällen als missbräuchlich, rassistisch, vernachlässigend und ausbeuterisch erwies (einige Gerichtsverfahren dauern bis heute an). Dies ist die Situation, die zu den Toxteth-Unruhen im Sommer 1981 führte, in großem Maßstab.

Doch 1984 ändert sich das Leben von Al Nasir im Alter von 18 Jahren völlig, als er in eine Aufführung von Scott-Heron im Liverpooler Royal Court gerät und seinem Helden begegnet.

Von da an werden die beiden gute Freunde, und Scott-Heron wird sein Mentor, der ihn über das Musikgeschäft und die Geschichte der Schwarzen unterrichtet und seine Gedichte liest und kritisiert (obwohl Al Nasir bei ihrer ersten Begegnung praktisch Analphabet ist). Al Nasir begleitet Scott-Heron auch auf mehreren Tourneen und wird zu seinem Vertrauten und Assistenten, und die spannendsten Abschnitte des Buches befassen sich mit den Erlebnissen des Reisens an der Seite eines Weltklassemusikers. Später gibt es einen bewegenden Abschnitt, in dem Al Nasir Scott-Heron während einer sehr dunklen Zeit in dessen Zeit im Gefängnis besucht, und wir erfahren viele Details über Gils traurigen Tod und die verschiedenen herzlichen Huldigungen, die danach entstanden sind.

„Letters To Gil“ ist ein Muss für jeden, der sich auch nur im Geringsten für Scott-Herons Werk und seine Beziehung zu der anderen wichtigen Proto-Rap-Band The Last Poets (mit der Al Nasir ebenfalls befreundet war und zusammenarbeitete) interessiert.

Aber es gibt auch Probleme mit dem Buch: Manchmal fehlt es an Selbsterkenntnis/Reflexion, was vielleicht ein Stilmittel zu sein scheint denn ein absichtliches Ausweichen. Es hätte auch von einem strengeren Lektorat/Korrektorat profitiert – es gibt viele Wiederholungen. Es ist schade, dass mehrere schöne Fotos, die im Guardian-Artikel enthalten sind, hier fehlen. Es muss auch gesagt werden, dass Al Nasirs Poesie, die über das ganze Buch verstreut ist, trotz ihrer kraftvollen Botschaft viel zu wünschen übriglässt.

Vielleicht ist es bezeichnend, dass die bewegendsten Worte des Buches nicht von Al Nasir, sondern von Scott-Heron selbst stammen. Er sprach über das Mantra, das ihm seine Großmutter beigebracht hatte, und fasste dann seine Erfahrungen mit der Betreuung von Al Nasir zusammen:

Wenn du jemandem helfen kannst, warum tust du es nicht? Nimm die Gelegenheit wahr, ergreife die Chance, die du ihnen bietest, und werde ein vollwertiger Erwachsener, ein Künstler, ein Gentleman, ein Vater, ein Ehemann und ein Bruder des Friedens und der Großzügigkeit. Du hast das Gefühl, dass die Geister dich auf besondere Weise berührt haben, weil sie einen deiner Träume erfüllt gesehen haben.

Remember: Poly Styrene – Pionierin des Punk starb am 25. April 2011

Poly Styrene alias Marianne Joan Elliott-Said, 2010

Poly Styrene, mit bürgerlichem Namen Marianne Joan Elliott-Said, war eine britische Punk-Ikone, deren unverwechselbare Stimme und rebellische Haltung sie zu einer der spannendsten Figuren der Punk-Ära der späten 1970er Jahre machten. Geboren am 3. Juli 1957 in Bromley, London, als Tochter einer Schottin und eines somalischen Vaters, wuchs sie in einem Großbritannien auf, das von sozialer Spannung, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt war – Themen, gegen die sie sich lautstark wehrte.

Die Stimme von X-Ray Spex
1976 gründete sie die Band X-Ray Spex, die mit nur einem Album (Germfree Adolescents, 1978) Punkgeschichte schrieb. Ihre Musik war laut, schrill, wild – aber auch reflektiert und politisch. Poly Styrene sang über Konsumwahn, Geschlechterrollen, Identität und Entfremdung in einer industrialisierten Welt. Besonders auffällig: Ihr Look – Zahnspange, grelle Farben, selbstgemachte Kleidung – war ein bewusster Bruch mit dem Glamourbild weiblicher Popstars. Ihre mädchenhafte Bühnenpräsenz stand im Kontrast zu ihrer ungezügelten Gesangsstimme.

Kult-Song: „Oh Bondage! Up Yours!“ – eine explosive Anti-Konsum-Hymne, deren berühmter Schrei „Bind me, tie me, chain me to the wall!“ ironisch mit einem krachenden „NO!“ beantwortet wird.

Außenseiterin unter Außenseitern
Poly Styrene war nicht nur eine der ersten Women of Color in der britischen Punk-Szene, sondern auch eine, die offen mit psychischen Herausforderungen umging. Nach einer Fehldiagnose (Schizophrenie, später revidiert zu bipolarer Störung) zog sie sich zeitweise zurück und wandte sich spirituellen Fragen zu. In den 80ern schloss sie sich der Hare-Krishna-Bewegung an, kehrte aber später mit Soloarbeiten zur Musik zurück.

Spätes Comeback & Vermächtnis
2011 veröffentlichte sie kurz vor ihrem Tod das Album “Generation Indigo”, das elektronische Sounds mit Punk-Attitüde verband – modern, scharf, und gesellschaftskritisch wie eh und je.

Sie starb am 25. April 2011 an Brustkrebs, doch ihre Botschaft und Musik leben weiter.

Hörtipps & Audioquellen
Hier könnt Ihr ihre Stimme selbst entdecken:

  1. Oh Bondage! Up Yours! – X-Ray Spex (YouTube)
  2. Germfree Adolescents – (YouTube)
  3. Identity – Live (YouTube)
  4. Generation Indigo (YouTube)
  5. BBC Doku: Poly Styrene – I Am A Cliché (2021) – emotionales Porträt von ihrer Tochter Celeste Bell (auch auf DVD/VOD).

Hier ist eine Playlist mit den wichtigsten und spannendsten Songs von Poly Styrene, sowohl aus ihrer Zeit mit X-Ray Spex als auch aus ihrer Solo-Karriere. Die Tracks zeigen ihre musikalische Vielfalt, ihr politisches Bewusstsein und ihren unverwechselbaren Stil.

Playlist: “The Voice of Vision – Poly Styrene Essentials”
Mit X-Ray Spex (1976–1979)

  1. Oh Bondage! Up Yours! – Die ikonische Anti-Konsum-Hymne, roh und rebellisch.
  2. Identity – Ein Song über Selbstwahrnehmung und gesellschaftlichen Druck.
  3. Germfree Adolescents – Titeltrack des Albums, Kritik an Reinlichkeitswahn und Oberflächlichkeit.
  4. The Day the World Turned Day-Glo – Surrealistische Umweltkritik mit Neonvibes.
  5. Art-I-Ficial – Ein Song über Entfremdung in einer technisierten Gesellschaft.
  6. I Am a Poseur – Ironische Abrechnung mit Oberflächlichkeit im Punk.
  7. Warrior in Woolworths – Poetisch, urban, kämpferisch – die Heldin des Alltags.
  8. Plastic Bag – Früher Protest gegen Umweltverschmutzung und Wegwerfgesellschaft.

Solo & Comeback (1980–2011)

  1. Translucence (1980) – “Dreaming” – Sanfter, introspektiver Song aus ihrem ersten Soloalbum.
  2. Generation Indigo (2011) – “Virtual Boyfriend” – Pop-modern, mit Kritik an digitalen Ersatzbeziehungen.
  3. “Ghoulish” – Gesellschaftskritik mit düsterem Beat und klarem Statement.
  4. “Colour Blind” – Ein sehr persönlicher Song über Identität, Ethnie und Hoffnung.
  5. “Thrash City” – Rückbesinnung auf punkige Wurzeln mit elektronischem Antrieb.

Extra-Tipp:
Wer mehr von ihr hören will, dem sei das Album „Germfree Adolescents“ (1978) empfohlen – ein Meilenstein des Punk mit Tiefgang.

YouTube: Poly Styrene - Translucence (1981)

Das Phänomen „Club 27“

Der Club 27 bezeichnet eine Gruppe von berühmten Musikerinnen und Musikern, die alle im Alter von 27 Jahren auf tragische Weise gestorben sind. Der Begriff entstand, weil auffällig viele Rock- und Popstars in diesem Alter verstarben – oft durch Drogen, Alkohol, Unfälle oder Selbstmord.

Zu den bekanntesten Mitgliedern des Klub 27 gehören:

  • Jimi Hendrix († 1970) – Gitarrist und Rocklegende
  • Janis Joplin († 1970) – Sängerin und Ikone des Psychedelic Rock
  • Jim Morrison († 1971) – Sänger der Band The Doors
  • Kurt Cobain († 1994) – Frontmann von Nirvana
  • Amy Winehouse († 2011) – Soul- und Popsängerin

Auch Pete Ham von Badfinger zählt dazu. Der britische Sänger, Gitarrist und Songwriter war Gründungsmitglied der Band. Er schrieb unter anderem den Hit „Without You“, der später durch Harry Nilsson und Mariah Carey weltberühmt wurde. Ham beging im Alter von 27 Jahren Suizid und wird daher oft dem sogenannten „Club 27“ zugeordnet.

Der Klub 27 steht symbolisch für den Mythos vom „zerstörerischen Leben im Rampenlicht“: große Talente, die dem Druck, dem Ruhm und oft auch den eigenen inneren Dämonen nicht standhalten konnten. Der Begriff wird manchmal auch kritisch gesehen, weil er ein tragisches Schicksal fast romantisiert.

Ein Graffito in Tel Aviv ergänzt den Maler Jean-Michel Basquiat (dritter von rechts) zu den Big Six, chronologisch geordnet von links: Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse

Wie entstand der Mythos vom „Klub 27“?

Die ersten Hinweise auf ein „Muster“ traten Anfang der 1970er Jahre auf. Innerhalb von nur zwei Jahren starben drei der größten Musikikonen ihrer Zeit:

  • Jimi Hendrix – September 1970 (Ersticken infolge von Drogenkonsum)
  • Janis Joplin – Oktober 1970 (Heroin-Überdosis)
  • Jim Morrison – Juli 1971 (vermutlich Herzversagen, möglicherweise Drogenkonsum)

Alle waren 27 Jahre alt. Diese auffällige Häufung führte zu ersten Spekulationen: War es Zufall? War dieses Alter besonders gefährlich für kreative Menschen? Oder steckte mehr dahinter?

Doch der Begriff „Club 27“ oder „27 Club“ wurde erst Jahrzehnte später populär – insbesondere nach dem Tod von Kurt Cobain im Jahr 1994. Cobain, Frontmann von Nirvana, nahm sich ebenfalls mit 27 Jahren das Leben. Medien und Fans begannen, Parallelen zu den Rocklegenden der 70er zu ziehen. Der Begriff „Klub 27“ tauchte nun vermehrt in Artikeln, Dokumentationen und Fan-Diskussionen auf.

Als 2011 Amy Winehouse im selben Alter starb, schien sich das Muster zu bestätigen – und der Mythos war endgültig in der Popkultur verankert.


Warum fasziniert der Klub 27 so sehr?

  • Romantisierung des Leidensgenies: Die Vorstellung vom genialen, sensiblen Künstler, der an der Welt zerbricht, ist tief in der Kultur verwurzelt.
  • Tragischer Ruhm: Viele Mitglieder des Klub 27 starben auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – ihre Musik bleibt unvergänglich, ihr Leben scheinbar unvollendet.
  • Medienwirkung: Filme, Bücher und Dokus haben den Mythos verstärkt. Es gibt sogar Verschwörungstheorien und esoterische Deutungen rund um das Alter 27.

Fazit

Der „Klub 27“ ist ein kulturelles Phänomen, das auf echten Tragödien basiert – aber auch auf dem Wunsch, in Mustern Sinn zu erkennen. Für viele bleibt er eine düstere Erinnerung daran, wie zerbrechlich selbst große Stars sein können.

Peter Frampton – Der Gitarrenvirtuose wird 75

Peter Frampton, geboren am 22. April 1950 in Beckenham, England, ist eine der schillerndsten Figuren der Rockmusik der 1970er Jahre. Als Gitarrist, Sänger und Songwriter hat er einen bleibenden Eindruck hinterlassen – nicht nur durch seine technischen Fähigkeiten, sondern auch durch seine unverwechselbare Wärme und Musikalität.

Frampton wuchs in einem kreativen Umfeld auf; schon als Kind zeigte er eine Leidenschaft für Musik. Mit zwölf Jahren spielte er in Bands, und bald wurde klar, dass er ein außergewöhnliches Talent an der Gitarre hatte. Zu Beginn seiner Karriere war er Mitglied der Bands The Herd und später Humble Pie, wo er als Gitarrist und Co-Frontmann erste größere Erfolge feierte.

Der große Durchbruch kam jedoch, als er sich entschloss, eine Solokarriere einzuschlagen. Nach einigen respektierten, aber mäßig erfolgreichen Studioalben veröffentlichte er 1976 das legendäre Live-Album „Frampton Comes Alive!“ – ein Werk, das ihn über Nacht zum internationalen Superstar machte. Mit Songs wie „Show Me the Way“, „Baby, I Love Your Way“ und „Do You Feel Like We Do“ verband Frampton eingängige Melodien mit beeindruckender Gitarrenkunst. Besonders sein Einsatz der „Talkbox“ – ein Effektgerät, das seine Gitarre sprechen ließ – wurde zu seinem Markenzeichen und verhalf ihm zu einem ikonischen Sound.

„Frampton Comes Alive!“ verkaufte sich über 10 Millionen Mal und gilt bis heute als eines der erfolgreichsten Live-Alben aller Zeiten. Frampton wurde zum Gesicht einer Generation, ein jugendlicher Gitarrenheld mit einem freundlichen Lächeln, der mühelos zwischen Rock, Pop und Blues balancierte.

Doch der gewaltige Erfolg hatte auch Schattenseiten: Die hohen Erwartungen an seine folgenden Alben und der plötzliche Ruhm belasteten ihn schwer. In den späten 1970er Jahren erlebte er eine Phase des künstlerischen und persönlichen Rückzugs. Doch Frampton blieb sich stets treu, veröffentlichte weiterhin Alben, entwickelte sich musikalisch weiter und arbeitete mit Größen wie David Bowie (seinem alten Schulfreund) zusammen.

In den 2000er Jahren erlebte er ein starkes Comeback mit dem Grammy-prämierten Instrumentalalbum „Fingerprints“. Auch in späteren Jahren zeigte er keine Müdigkeit: Selbst als bei ihm 2019 eine degenerative Muskelkrankheit (IBM) diagnostiziert wurde, ging er auf eine große Abschiedstournee und veröffentlichte weitere Aufnahmen, die sein Talent und seine Leidenschaft für Musik eindrucksvoll dokumentieren.

Peter Frampton ist mehr als nur ein Rockstar vergangener Tage. Er ist ein lebendes Symbol für Hingabe, Resilienz und die zeitlose Magie handgemachter Musik – ein Künstler, der immer seinem eigenen Weg gefolgt ist, mit einer Gitarre in der Hand und einem offenen Herzen.

Rezension: Peter Frampton – Frampton Comes Alive! (1976)

Als „Frampton Comes Alive!“ im Januar 1976 erschien, war es eine kleine Sensation – und wurde schnell zu einem der erfolgreichsten Live-Alben der Rockgeschichte. Was dieses Album so besonders macht, ist die perfekte Mischung aus technischer Brillanz, emotionaler Wärme und echter Bühnenenergie, die Peter Frampton auf beeindruckende Weise einfängt.

Schon der Opener „Something’s Happening“ reißt das Publikum mit: Frampton spielt nicht nur für die Zuhörer, sondern mit ihnen. Seine Gitarrensoli sind virtuos, doch nie selbstverliebt. Besonders in Songs wie „Show Me the Way“ und „Baby, I Love Your Way“ zeigt sich seine große Stärke: eingängige Melodien, die direkt ins Herz treffen, gepaart mit seinem sympathischen, leicht rauchigen Gesang.

Eines der absoluten Highlights ist „Do You Feel Like We Do“, eine über 14 Minuten lange Jam-Session, in der Frampton mit seiner Talkbox eine bis dahin nie gehörte Verbindung zwischen Mensch und Gitarre schafft. Das Stück ist eine Meisterklasse in Dynamik – von sanften Passagen bis hin zu ekstatischen Gitarrenexplosionen.

Was Frampton Comes Alive! so herausragend macht, ist die Atmosphäre. Man hört und fühlt, dass Frampton hier auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Freiheit spielt. Seine Interaktion mit dem Publikum ist ehrlich und entspannt, weit entfernt vom aufgesetzten Posen manch anderer Rockstars jener Zeit.

Klanglich ist das Album erstaunlich klar für eine Liveaufnahme der 70er Jahre. Die Produktion fängt die rohe Energie des Konzerts ein, ohne sie zu glätten, und verleiht den Songs eine unmittelbare Lebendigkeit, die auch heute noch begeistert.

Fazit:
„Frampton Comes Alive!“ ist mehr als nur ein Live-Album – es ist ein lebendiges Dokument einer Zeit, in der Rockmusik voller Herz und Seele war. Peter Frampton bewies hier nicht nur sein technisches Können, sondern auch seine Fähigkeit, eine echte Verbindung zu seinem Publikum aufzubauen. Ein absoluter Klassiker, der auch fast 50 Jahre später nichts von seiner Strahlkraft verloren hat.

⭐⭐⭐⭐⭐ (5/5 Sterne)

Friedrich Merz – ein Mann der Konzerne

Und der will „Kanzler aller Deutschen“ sein – ein vielfacher Millionär, der als Jurist und Lobbyberater für die großen Konzerne gearbeitet hat?

CORRECTIV hat zu seinen beruflichen Aktivitäten recherchiert und hätte gerne von Merz erfahren, wie er mit Interessenkonflikten umgeht, und wie er seine Nähe zu einflussreichen Lobbygruppen bewertet. Aber die Fragen von CORRECTIV lässt er unbeantwortet – trotz mehrerer Nachfragen.

Der Politikwissenschaftler und Lobbyismusexperte von der Universität Duisburg-Essen, Maximilian Schiffers, sieht einen schwierigen Rollenwechsel für Merz. „Als Unternehmensanwalt muss er den Gewinn maximieren und Einzelinteressen vertreten – als Kanzler das Gemeinwohl im Blick haben.“ Schon der Anschein, persönliche Vorlieben und Kontakte könnten ihn beeinflussen, könnte ihm politisch schaden. Immerhin arbeitete er 16 Jahre als Anwalt für Großkonzerne und saß in mindestens 15 Aufsichts- und Verwaltungsräten. „Seine Biografie bietet eine Angriffsfläche“, so Schiffers.

Teil seiner beruflichen Biografie gehört u.a., dass Merz die Berliner Kanzlei von Mayer Brown geleitet hat. Diese verteidigte 2015, zu Merz’ Zeit in der Kanzlei, Volkswagen gegen die Ansprüche der Autofahrer im Dieselskandal. Heute, so schreibt Mayer Brown auf ihrer Homepage, „ruht seine Anwaltszulassung bis auf weiteres und damit auch die Tätigkeit bei Mayer Brown.“ Schon vor seinem Antritt bei Mayer Brown hatte Merz enge Verbindungen zu BASF.

Nach dem Jurastudium und einer kurzen Zeit als Richter startete er seine Karriere als Referent beim Verband der chemischen Industrie (VCI) – in dessen Präsidium BASF stets vertreten ist. Mayer Brown vertritt als Kanzlei BASF, den umsatzstärksten Chemiekonzern der Welt. Blackrock, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Merz war, ist der größte Investor bei dem Chemieriesen. Und fast ein Jahrzehnt war Merz Verwaltungsrat bei BASF Antwerpen.

Insbesondere gilt dies für die Chemiebranche. Bei heiklen Konflikten zieht BASF die Anwälte der Firma Mayer Brown hinzu: Die Kanzlei verhandelte vor dem US-Supreme Court einen der weltgrößten Handelsstreits über Preisabsprachen bei Vitaminpräparaten. Ebenso verteidigte sie BASFs milliardenschwere Lizenzen für ein sibirisches Ölfeld. Mittlerweile ist der Ludwigshafener Chemieriese selbst in Gremien der Kanzlei vertreten.

Merz müsste also als Kanzler seinen früheren Auftraggeber BASF kontrollieren und gegebenenfalls einschränken – schließlich geht es um eine Branche mit oft umwelt- und gesundheitsschädlichen Produkten wie Pestiziden, Plastik und PVC. Zudem nutzt BASF in Deutschland mehr Wasser als alle anderen Industrien – ein politisch brisantes Thema, wenn in Dürrezeiten über Wasserlimits für die Industrie diskutiert wird. Auch hierzu antwortet Merz auf Anfrage von CORRECTIV nicht.

Wenn er sich öffentlich zur Wirtschaftspolitik äußert, klingen seine Worte in vielen Fällen wie vom Chemieverband VCI vorformuliert: Der Ruf nach einem „Belastungsmoratorium“ für Unternehmen, der Kampf gegen das „Bürokratiemonster“ und ein Abbau der „Berichtspflichten“ für die Wirtschaft – Merz und seine frühere Arbeitgeberin, die chemische Industrie, stimmen erstaunlich oft überein, sogar in der exakten Wortwahl.

Quelle: corrective.org

Quelle: corrective.org

Wer mehr über das Lobby-Netzwerk von Friedrich Merz erfahren möchte, kann dieses bei CORRECTIVE tun.

Sinclair Lewis: Das ist bei uns nicht möglich (Roman)

1935 in den USA ein aufsehenerregender Bestseller, heute wieder eine Sensation und aktuell wie selten zuvor. Es ist eine mahnende Geschichte über den Aufstieg des Faschismus in den Vereinigten Staaten.

Sinclair Lewis wusste durch seine Frau Dorothy Thompson, Auslandskorrespondentin in Berlin, über den Aufstieg der Nazis Bescheid. In den USA beobachtete er, wie die Populisten nach Wirtschaftskrise und Sozialreformen des New Deal immer weiter an Einfluss gewannen. Der radikale Senator Huey Long versuchte Präsident Roosevelt aus dem Amt zu drängen, bevor Long 1935 einem Attentat zum Opfer fiel. Lewis diente er als Vorbild für den fanatischen Verführer Buzz Windrip in seinem Roman.

Buzz Windrip, für seine Gegner ein „ungebildeter Lügner mit idiotischer Weltanschauung“ und ein gefährlicher Populist, will Präsidentschaftskandidat werden. Er gibt vor, sich für die kleinen Leute einzusetzen, und verspricht, „aus Amerika wieder ein stolzes Land zu machen“. Trotz völlig unglaubwürdiger Versprechen laufen ihm die Wähler zu, und er zieht ins Weiße Haus ein. Sogleich regiert er wie ein absolutistischer Herrscher, beschneidet die Freiheiten der Minderheiten, legt sich mit Mexiko an und lässt seine Kritiker rabiat verfolgen. Einer davon ist der liberale Zeitungsherausgeber Doremus Jessup, der sich nicht mundtot machen lassen will.

Sinclair Lewis’ Roman aus dem Jahr 1935 führt einen Antihelden vor, der mit seinen Hetzreden die Begeisterung unzufriedener Wähler entfacht. Durch seine Lügen und eine Rhetorik des Populismus und der Ressentiments wird er Präsident der Vereinigten Staaten. Das klingt vertraut, oder?

Lewis‘ Roman bekommt „eine neue Aktualität, weil es so prophetisch wirkt: der Gauner mit dem aufwendigen Namen Berzelius Windrip, der seinen Wählern Lohn und Brot verspricht, Einkommensbeschränkungen für Reiche, aber eine Prämie von fünftausend Dollar für jeden Mitmacher, dieser politische Gauner liest sich heute wie eine Vorahnung des gnadenlosen Populisten Donald Trump. […] So schlecht Vorhersagen von Journalisten und Schriftstellern sonst sind, hier ist dem kleinen Meister Lewis ein großes visionäres Irrsinnsgemälde voller Wahrhaftigkeit gelungen. (Willi Winkler in der SZ)

„Eine unheimliche Vorwegnahme der aktuellen Ereignisse.“ The Guardian
„Ein Populist im Weißen Haus? Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis hat es vor 80 Jahren durchgespielt.“ DIE ZEIT
„Sinclair Lewis ist wieder aktuell.“ der Freitag
„Ein Meister des absoluten Realismus.“ Bob Dylan

422 Seiten, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin
in der Übersetzung von Hans Meisel, mit einem Nachwort von Jan Brandt.

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